Vom Hoffen und Vermissen: Dramaturgen im Pandemie-Lockdown

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Unser Theater ist geschlossen und dennoch wird hinter den Kulissen gearbeitet, werden Vorkehrungen für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs getroffen. Werkstattmitarbeiter bauen Bühnenbilder für kommende Produktionen, der Betriebsdirektor disponiert für den Wiederstart und darüber hinaus auch schon die nächste Spielzeit. Für das Programm 2021-22 sind vor allem die Dramaturgen (mit-)verantwortlich, ist die Saisonplanung doch ein wichtiger Bestandteil ihres Arbeitsalltags, der sich durch die Pandemie allerdings auch verändert hat. Darüber und welche Chancen die Pandemie für Theater bieten könnte, geben mir Chefdramaturg Arne Langer sowie die Dramaturgen Larissa Wieczorek und Stephan Drehmann im Interview Auskunft.

Wie geht es Euch? Wie sieht Euer Tag aus?

Arne Langer: Mir geht es gut. Ich gehe meist vormittags ins Theater und verbringe den Nachmittag am heimischen Schreibtisch.

Larissa Wieczorek:  Ich vermisse das Auf und Ab im Theater, die Proben, die Erfolgserlebnisse und die kreative Arbeit mit den Kollegen. Die Tage im Homeoffice sind ziemlich eintönig und man erlebt kaum noch etwas: Aufstehen, irgendwelche Schreibtischarbeit machen, Essen kochen, spazieren gehen, lesen oder Filme schauen, manchmal telefonieren oder zoomen. Aber ich versuche nach vorne zu schauen und das Beste daraus zu machen. Ich hoffe einfach, dass alles bald besser wird!

Wie sehr beschäftigt Euch die Pandemie persönlich?

Arne Langer: Während der zweiten Welle kamen die Einschläge näher, man erfährt von Verwandten, Freunden und Bekannten, die erkrankt sind. Da wird die allgemeine Sorge um die vielen Betroffenen auf einmal ganz nah und konkret. Und es wächst das Unverständnis für diejenigen, die diese Seuche verharmlosen.

Larissa Wieczorek:  Da sie irgendwie das ganze Leben beeinflusst, ist die Pandemie fast bei jedem Gespräch irgendwie Thema. Zum Glück war bzw. ist in meinem direkten Umfeld niemand erkrankt, was die Bedrohung für mich manchmal sehr abstrakt macht. Und ich ärgere mich immer wieder über die teilweise inkonsequenten und unlogisch erscheinenden Entscheidungen darüber, dass es in manchen Bereichen Einschränkungen und Abstandsregeln gibt und in anderen, in denen das mindestens genauso sinnvoll wäre, nicht.

Stephan Drehmann: Ich denke viel mehr als früher über die Bedeutung und den Sinn meines Berufs nach. Das geht den Menschen wahrscheinlich in vielen Branchen so, die das Prädikat „Systemrelevant“ nicht erhalten haben. Die Einhaltung der Schutzmaßnahmen nehme ich sehr ernst. Das baldige Ende der Pandemie sollte auch und gerade für uns Kulturschaffende höchste Priorität haben.

Theater ist viel und sehr enge Kommunikation. Wie sieht diese aktuell aus? Fehlt Euch der unmittelbare, persönliche Austausch Kontakt mit den Kollegen?

Arne Langer: Ja sicher, ich bin dankbar für die Begegnungen, die trotz alledem stattfinden.

Larissa Wieczorek: Ja, absolut! Theater ist immer Teamwork und viele kreative Ideen entstehen einfach nur im direkten Austausch miteinander – man sieht etwas bei einer Probe, das Assoziationen weckt, ein Kollege sagt etwas, das einen auf neue Gedanken bringt. Videokonferenzen und Emails sind da kein wirklich adäquater Ersatz.

Stephan Drehmann: Das gemeinsame Entwickeln von Ideen ist im Moment natürlich sehr erschwert. Eigentlich warten wir alle darauf, die Produktionen und Projekte, die wir Ende vergangenen Jahres vorangebracht haben, umsetzen und aufführen zu können.

Als DramaturgIn seid Ihr immer ganz nah dran an einer Produktion, begleitet auch die Proben im Theater. Das alles findet gerade nicht statt. Was tut Ihr stattdessen? 

Materialien zu „Die Jungfrau von Orléans“              Foto: Arne Langer

Arne Langer: Erst einmal läuft ja die Vorbereitung kommender Produktionen weiter, in meinem Fall die Tschaikowsky-Jungfrau für die DomStufen-Festspiele. Da gibt es Gespräche und Treffen mit dem Regieteam, werden Fassungsfragen und Kürzungsmöglichkeiten diskutiert. Außerdem pflege ich den Kontakt zu den GastsängerInnen und arbeite schon am Programmheft und an den Übertiteln. Auch bietet es sich an, die für kommende Spielzeiten geplanten Werke zu studieren – das kann man nun intensiver, als das sonst zeitlich möglich wäre. Und nicht zuletzt bin ich bemüht, unser Archiv besser zu erschließen, speziell gerade die Textbuch- und die Fotosammlung. Und dann verfolge ich auch die digitalen Angebote der Opernhäuser, die ich besonders schätze und schaue mir Inszenierungen an, die ich dort verpasst habe.

Larissa Wieczorek: Ich habe Stücke gesichtet, die man in Zukunft spielen könnte und dazu kleine Exposés geschrieben. Außerdem frische ich mein Französisch auf und stelle eine möglichst genaue Übersetzung unserer Fassung von Les Contes d’ Hoffmann zusammen, die wir im kommenden Jahr zeigen wollen. Und ich bereite mich auf unsere Corona-konforme Märchenopern-Uraufführung Der goldene Brunnen vor, die hoffentlich im Frühjahr Premiere feiern darf! Der Komponist Peter Leipold und die Librettistin Friederike Karig haben ein Stück geschrieben, das die Abstandsregeln für die Darsteller und Musiker von vornherein mitdenkt. Wir haben über den Stoff, das Libretto und die Komposition diskutiert sowie Gedanken zu Bühnenbild- und Kostümentwürfen ausgetauscht und wünschen uns nun, dass wir bald anfangen dürfen zu proben.

Stephan Drehmann: Vieles, was wir sonst parallel zum Probenbetrieb machen, ist ja weiterhin möglich: Recherche, Konzepte entwickeln, das persönliche Repertoire erweitern. Jetzt haben wir die Ruhe, die uns dafür oft fehlt.

Im Vergleich zu den meisten anderen Jobs verbringen Theatermitarbeiter viel mehr Lebenszeit im Theater, entstehen oftmals auch private Beziehungen zu Kollegen. Wie pflegt man diese Beziehungen aktuell? 

Arne Langer: Das beschränkt sicher leider auf Telefonate, Mail oder ein gemeinsames Glas Wein per Zoom.

Einrichten und Übersetzen von Les Contes d’ Hoffmann                      Foto: Larissa Wieczorek

Larissa Wieczorek: Vor allem durch Telefonate und Zoomkonferenzen. Mit Brett Sprague und seiner Verlobten bin ich einmal spazieren gegangen, mit Leonor Amaral habe ich einmal gemeinsam Mittag gegessen und mit ein paar anderen Kollegen planen wir gerade, per Zoom ein Pen-and-Paper-Rollenspiel zu spielen. Hin und wieder schaue ich auch im Theater vorbei um irgendetwas aus meinem Büro zu holen und halte einen kurzen Plausch mit den wenigen Kollegen, die gerade dort sind.

Gibt es bei all den Einschränkungen, die die Pandemie mit sich bringt, Positives, das Ihr der aktuellen Situation abgewinnen könnt?

Arne Langer: Spontan würde ich nein antworten. Aber natürlich kann ich wie oben erwähnt Zeit für Dinge verwenden, die sonst liegengeblieben wären oder mich einfach intensiver mit Themen beschäftigen.

Larissa Wieczorek:  Ja, natürlich! Man kommt mal aus dem Hamsterrad des Alltags heraus und hat mehr Muße für Dinge, für die oft die Zeit gefehlt hat. Mein Stresslevel liegt – anders als in den letzten Jahren zu dieser Jahreszeit – gerade bei Null. Und seit es nicht mehr viel anderes zu tun gibt, gehe ich inzwischen viel häufiger spazieren und wandern als früher, was unglaublich gut tut.

Stephan Drehmann: Die Demut, die uns diese Naturkatastrophe aufzwingt, empfinde ich an vielen Stellen als heilsam. Außerdem habe ich für die alternativen Angebote, seien sie online oder im Theater, beruflich viel Neues ausprobieren dürfen und mehr gelernt als unter „normalen“ Bedingungen. Zum Beispiel Sprechen vor der Kamera, Videoschnitt, Bühnenwerke knackig zusammenkürzen, sogar ein bisschen Regie führen …

Es wird in den Medien auch viel diskutiert, dass Theater die Pandemie als Chance nutzen sollten, um beispielsweise ihre Angebote auf den Prüfstand zu stellen und Neues auf den Weg zu bringen. Wie seht ihr das?

Arne Langer: Da sehe ich wenig Möglichkeiten. Mit dem „Apparat“, den wir vorhalten, kann man nur eines sinnvoll tun: Musiktheater und Konzerte live darzubieten. Und das Bemühen um einen interessanten, vielseitigen und zeitgemäßen Spielplan sollte uns sowieso jederzeit leiten, der „Prüfstand“ ist systemimmanent.

Larissa Wieczorek:  Ich glaube, dass wir unsere Art des Theaterschaffens immerzu hinterfragen sollten und dass es vor allem im Musiktheaterbereich dringend notwendig ist, zeitaktueller und damit auch relevanter zu werden. Tatsächlich sind ja in den vergangenen Monaten sehr kurzfristig komplett neue Produktionen entstanden, die direkten Bezug auf die gegenwärtige Situation genommen haben. Ich würde mir wünschen, dass wir in Zukunft noch mehr brennende Fragen unserer Zeit auf der Bühne behandeln.

Stephan Drehmann: Die Diskussion ist ein guter Anfang. Die Pandemie sehe ich aber nicht als Auslöser dafür, sondern vielleicht eher als beschleunigenden Faktor.

Was können Theater Eurer Ansicht nach aus der Pandemie „lernen“ oder „mitnehmen“ für die Zeit danach?

Arne Langer: Darüber möchte ich erst nachdenken, wenn das Gröbste überstanden ist.

Larissa Wieczorek:  In der Theaterbranche wurden in der Corona-Zeit viele Diskussionen angestoßen. Die Debatten um Systemrelevanz haben dazu geführt, dass vielerorts die Funktion von Theater in der Gesellschaft reflektiert wurde, was auch bei den Theaterschaffenden neue Impulse auslösen könnte. Theater kann durch die Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ und dem „Selbst“ identitätsstiftend sein. Und es kann helfen, gemeinschaftliche Werte zu entdecken, uns einzufühlen in andere, und – zumindest für die Dauer einer Vorstellung – „fremde“ Sichtweisen einzunehmen.

Mit Zeit und Ruhe im Selbststudium                Foto: Stephan Drehmann

Stephan Drehmann: Kreativität, Flexibilität, Pragmatismus, Offenheit und die wohltuende Erkenntnis, dass es so etwas wie einen Hunger nach Kultur gibt.

Noch weiß niemand genau, wann die Theater wieder öffnen dürfen und auch Treffen in großen Gruppen wieder uneingeschränkt möglich sind. Wenn es aber soweit ist: auf was freut Ihr Euch am meisten?

Arne Langer: Auf die gespannte Erwartung und den erlösenden Applaus des Publikums.

Larissa Wieczorek: Auf die Stimmung, die aufkommt, wenn man wieder voller Erwartungen in einem bis zum letzten Platz gefüllten Zuschauerraum sitzen darf und das Erlebnis zusammen mit hunderten von anderen Menschen teilen kann. Und auf die Gespräche über womöglich auch unterschiedliche Wahrnehmungen des Gesehenen nach der Vorstellung, die einem neue Perspektiven eröffnen.

Stephan Drehmann: Auf Begegnungen ohne Einschränkung und die Wiederauferstehung des Nacht- und Kulturlebens.

Die Fragen stellte Alexandra Kehr

Porträts: Lutz Edelhoff; Porträtmontage: Nils Fleischmann

 

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