Auf ein Neues! – Hank Irwin Kittel über „Die Jungfrau von Orleans“

1 KommentarVeröffentlicht am Categories auf den Stufen, Domplatz, Hinter den Kulissen, Im Scheinwerferlicht

Mit der Übergabe von Bühnenbild und Kostümvorlagen fiel vor ein paar Tagen der offizielle Startschuss für unsere diesjährigen DomStufen-Festspiele! Auch wenn wir aktuell noch nicht wissen, wann wir unser Theater endlich wieder für Publikum öffnen können, bereiten wir uns sehr akribisch auf diesen Tag vor. Und da der Premierentermin der Festspiele im Juli liegt, sind wir fest davon überzeugt, dass es dann möglich sein wird, Peter Tschaikowskys Oper DIE  JUNGFRAU VON ORLANS auf den Stufen vor der grandiosen Kulisse von Dom und St. Severi zu zeigen. Vor hoffentlich sehr, sehr vielen Zuschauern! Hank Irwin Kittel, seit 2003 Ausstattungsleiter am Theater Erfurt, ist davon ebenfalls überzeugt. Für den Blog habe ich ihn um einen kleinen Einblick in seine Arbeit für die DomStufen-Festspiele 2021 gebeten …

Auf ein Neues!

Zum 9. Mal lasse ich dieses wunderschöne Ensemble der Domstufen mit den angrenzenden Bauten Mariendom, den Kavaten mit dem Ostchor, St Severi und das von uns so genannte „gelbe Haus“ rechts der Stufen auf mich wirken.

Jedes Mal ist die Herausforderung groß, diesem besonderen Ort gerecht zu werden, jedes Mal gilt es, eine neue, andere Lösung zu finden.

Ich kann als Bühnenbildner architektonisch nichts entgegensetzen. Da würde ich gnadenlos an den Dimensionen der umliegenden Bauten scheitern. Also muss jedes Mal eine Idee kommen, die eine Interaktion mit dem Umfeld eingeht, mit ihm „spielt“. Das kann die Kraft des Gegensatzes, die geschickte Nutzung oder auch eine Umwertung der bestehenden Architektur sein.

Das war mir im Rückblick zum Beispiel sehr gut gelungen mit CAVALLERIA RUSTICANA bei der ich die Stufen mit einem riesigen Marienbild bemalen ließ, der TOSCA bei der der Erzengel Michael, der eigentlich auf der Engelsburg in Rom steht und den Hintergrund zum dritten Akt bildet, inmitten der Domstufen zerbrochen lag und auch bei der Carmen“, wo ich den denkbar grössten Gegensatz zum Kirchengelände, einen aus veritablen Autos bestehenden Schrottplatz, wählte.

Dieses Jahr nun DIE JUNGFRAU VON ORLEANS von Tschaikowsky auf den Stufen… Die Geschichte und ihr trauriges Ende sind schon im Titel beschrieben, aber genau hier lauert wieder die „Realitätsfalle“, wie ich es nenne. Nun könnte man eine Art Bauerntheater aufführen mit Mobiliar und Kostümen der Mittelalterzeit inklusive Scheiterhaufen, aber da käme man nicht weit, was die Eindrücklichkeit anbelangt. Keine Feuerwehr würde da mitspielen, ein richtig grosses Feuer zu entfachen, und wie denn da dann eine Sängerin „verbrennen“?! Und eigentlich kann man so etwas nur im Film richtig dramatisch darstellen, weil man nahe genug ran kann mit der Kamera.

Hier haben wir Entfernungen von bis zu 60 Metern vom Zuschauer zum Geschehen. Da wirkt alles etwas zu harmlos. Aus diesem Grund haben wir im Team (Regie: Tomo Sugao, Kostüme: Bianca Deigner) auch entschieden, die Geschichte optisch klar und stilisiert zu erzählen.

Hank Irwin Kittel und Bianca Deigner bei der Kostümübergabe für DIE JUNGFRAU VON ORLEANS

Wie das ganz konkret aussieht, werden wir Ende April auf der Pressekonferenz und damit ganz öffentlich erzählen.

Mir hat in jedem Fall geholfen, das Stück zu hören und das Libretto zu lesen. Johanna ist permanent in einer Zwiesprache mit den Engeln, die durch grosse Chöre verkörpert werden. Diese jenseitige Welt hat mich bildlich sofort interessiert. Scheinbar ist alles real, was uns umgibt, aber ist es das wirklich?

Ich habe von eingerollten Dimensionen und Zeitkrümmungen gelesen, also Welten, die es parallel zu unserer gibt. Warum also nicht so etwas materialisieren? Die festgefügten Domstufen schwerelos werden lassen ….

Eine absurde Himmelstreppe, niemals materiell möglich, aber für die Zeit der Domstufen zeige ich sie und wenn es dunkel wird kann ich sie auch noch als Projektionsfläche verwenden.

Das wird den Effekt haben, dass wir uns auch nach den Festspielen daran erinnern, wann immer wir über den Domplatz oder die Stufen hinaufgehen: Nicht alles ist so wie es auf den ersten Blick zu sein scheint.

www.domstufen-festspiele.de

Fotos: Alexandra Kehr

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Ein Kommentar zu “Auf ein Neues! – Hank Irwin Kittel über „Die Jungfrau von Orleans“”

  1. Ich bin sehr gespannt auf die schwerelosen Domstufen!
    Wünsche allen Beteiligten dass es dieses Jahr wieder möglich sein wird, die Domstufenspiele stattfinden zu lassen.

Eingestellt von

Alexandra Kehr