Wie politisch ist Lohengrin?

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Szenenfoto Lohengrin

Die Premiere unserer jüngsten Musiktheaterproduktion wirkt immer noch nach. Die Verfasser der Rezensionen in Radio, TV, Print- und Onlinemedien haben sich allesamt und überwiegend aus verschiedenen Gründen aufgerieben an der Inszenierung. Sicherlich hat jeder der Premierenbesucher den Wagner-Abend ganz unterschiedlich erlebt, denn er war in jedem Fall besonders, was unseren Chefdramaturgen Dr. Arne Langer zu nachfolgenden Zeilen veranlasst hat:

„Opernproduktionen haben eine sehr lange Vorlaufzeit. Als das Lohengrin-Regieteam vor ca. einem Jahr beschloss, die Oper über den tragischen Ausflug des Gralsritters in eine von Machtkämpfen zerrissenen Welt als futuristische Vision einer technisierten und zugleich uniformierten Welt zu inszenieren, war noch nicht absehbar, in welche politische Situation hinein diese Premiere stattfinden würde.

Zur Deutungsgeschichte der Oper gehört nun mal auch die des 12-jährigen Adolf Hitler, für den eine Lohengrin-Vorstellung Ausgangpunkt einer wirkungsmächtigen Wagner-Verehrung wurde. Mit Helden wie Lohengrin oder Stolzing in den Meistersingern konnte er sich denn auch leicht identifizieren, schließlich bewahrten sie ihr strahlendes Erscheinungsbild und blieben sich und ihrer Mission bis zum Ende treu, anders als so gebrochene Helden wie die Figuren im Ring des Nibelungen oder im Tannhäuser. Für uns Dramaturgen / die Theaterleitung ist es selbstverständlich, bei Neuinszenierungen von Repertoirewerken deren Deutungsgeschichte zu bedenken. Wir wissen zwar, dass das nicht alle Besucher so sehen, wir sind jedoch davon überzeugt, dass Theater immer auch im weitesten Sinne politisch ist – auch oder gerade dann, wenn es sich nicht zur Gegenwart verhält.

Angesichts der durch die Ministerpräsidentenwahl aufgekommenen Sorge über den Tabubruch in der Thüringer Landespolitik beschlich die Verantwortlichen am Theater Erfurt ein großes Unbehagen, die nationalistischen Töne, die Rufe „Sieg! Heil!“ gänzlich unkommentiert erklingen zu lassen. Ganz abgesehen davon, dass es in Wagners Libretto ausdrücklich die „Sachsen und die Thüringer“ sind, die mit martialischem Getue nationalistische Überheblichkeit zur Schau stellen mit Sätzen wie „Wohlauf! Mit Gott für Deutschen Reiches Ehr!“

Projektion in den Lohengrin-Pause
Projektion in den Lohengrin-Pause

Vor diesem Hintergrund erschien es der Theaterleitung notwendig, am Premierenabend über die Inszenierung hinaus Denkanstöße anzubieten. Dies geschah absichtsvoll nicht im Rahmen der Inszenierung, sondern während der Pause bei heruntergelassenem eisernen Vorhang mittels Texten, die zunächst in der ersten Pause Vorgänge in Thüringen 1930 mit heutigen politischen Forderungen in Beziehung setzen und dann in der zweiten Pause – durch einen Ausschnitt aus Heinrichs Mann satirischem Roman Der Untertan – auf die mögliche nationalistische Vereinnahmung des Lohengrin verweisen.“

Zitat aus Heinich Manns: Der Untertan
Zitat aus Heinrich Manns: Der Untertan

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Eingestellt von

Alexandra Kehr