Warten auf den Tod

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Dead Man Walking / Theater Erfurt (c) Marcel Krummrich

„Dead Man Walking“ wird über amerikanische Gefängnisflure gerufen, wenn ein Verurteilter zu seiner Hinrichtung geführt wird. Das geflügelte Wort ist auch Titel der Autobiografie von Sister Helen Prejean. Die gleichnamige Verfilmung machte die Todesstrafe 1996 auch in Europa zum Thema. Vier Jahre später entstand die Oper von Jake Heggie, die demnächst im Theater Erfurt zu erleben ist. Im Vorfeld der Proben sprachen Bariton Máté Sólyom-Nagy, der den zum Tode verurteilten Mörder verkörpern wird, und ich für unser Theatermagazin PROspekt mit Gabi Uhl, der Vorsitzenden der deutschen Initiative gegen die Todesstrafe e. V.

Larissa Wieczorek (LW): Frau Uhl, inwiefern ist die Todesstrafe hier für uns in Europa Ihrer Meinung nach ein wichtiges Thema?
Ich denke, dass sie weltweit ein wichtiges Thema ist. Heute steht sie hierzulande nicht mehr so im Vordergrund, denn schon 1949 legte die BRD im Grundgesetz in Artikel 102 fest, dass die Todesstrafe abgeschafft ist. In der DDR wurde sie aber noch bis 1981 praktiziert und 1987 abgeschafft. Hessen hat sie kurioserweise erst kürzlich, im Dezember 2018, aus seiner Verfassung entfernt. Wir leben in einer globalisierten, wirtschaftlich vernetzten Welt und bekommen so viel mit von anderen Ländern und Staaten. Menschenrechte gelten einfach weltweit. Deshalb denke ich, dass man sich den Fortbestand der Todesstrafe bewusst machen muss, auch wenn sie in Europa fast überall abgeschafft ist. Als einziger europäischer Staat hält Weißrussland (Belarus) nach wie vor an der Todesstrafe fest. Seit 1991 wurden dort schätzungsweise 400 Menschen hingerichtet.

LW: Wann und warum haben Sie sich zum ersten Mal mit dem Thema Todesstrafe beschäftigt?
Das ist jetzt über 20 Jahre her. Mit einer Freundin zusammen, die Briefe an einen Todeskandidaten schrieb, habe ich 1997 den Film Dead Man Walking mit Susan Sarandon und Sean Penn im Kino angesehen. Wissend, dass die junge Frau neben mir tatsächlich einem Todeskandidaten schreibt, ging mir der Film unglaublich unter die Haut. Als meine Freundin mir dann erzählte, dass sie den Mann besuchen wolle, habe ich ihr angeboten sie zu begleiten. Bei den Besuchen habe ich den Mann, Clifford Boggess, kennengelernt und dann begonnen, ihm auch zu schreiben. Daraus ist eine relativ enge Freundschaft geworden, die aber nicht einmal ein halbes Jahr andauerte. Bei der Hinrichtung waren meine Freundin und ich als Zeugen dabei. Danach hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.
Zunächst wollte ich mich nicht noch einmal in diese Situation bringen. Im Lauf der vergangenen zwanzig Jahre habe ich dann aber noch ungefähr zehn Todeskandidaten geschrieben und drei davon bis zum Ende begleitet, als Zeugin der Hinrichtung.

LW: Wie haben Sie die Hinrichtungen wahrgenommen? Was geht da in einem vor?

Gabi Uhl (links) und Sister Helen Prejean - Foto: Privat
Gabi Uhl (links) und Sister Helen Prejean – Foto: Privat


Am Nachmittag vor der Hinrichtung kommen immer ein paar Offizielle vom Gefängnis, die den Zeugen erklären, wie das alles abläuft. Ich hatte den Eindruck, das ist alles vollkommen ritualisiert, da ist jeder einzelne Schritt geplant. Es kam mir unfassbar überheblich vor, dass da Menschen, im besten Wissen, was sie da tun, vom Leben in den Tod befördern. Ich war mir darüber im Klaren, dass Cliff das auch getan hatte. Nur saß er dafür im Gefängnis. Seine Tat wurde als Verbrechen verurteilt. Das hier sollte mir nun als von Gesetzes wegen richtig verkauft werden. Ich habe mich gefragt: Was machen wir da eigentlich? Das passt doch nicht ins 21. Jahrhundert! Ich bin davon überzeugt, diese Methode mit drei Chemikalien gibt es nur, damit es für die Zuschauer schön friedlich aussieht: Erst gibt man ein Narkosemittel, dann ein muskellähmendes, das man eigentlich nicht braucht, und schließlich eines, was das Herz zum Stillstand bringt. Texas hat inzwischen allerdings auf Pentobarbital, das auch zur Einschläferung von Tieren verwendet wird, als alleiniges Mittel umgestellt.

Máté Sólyom-Nagy (MSN): Was haben diese Zuschauer denn bei der Hinrichtung eigentlich zu suchen? Dass die Angehörigen des Hingerichteten dabei sind, kann man ja verstehen, aber die Angehörigen der Opfer? Ich empfinde das als schaulustig, als rachsüchtig.
Genau das habe ich mich auch gefragt, als ich Dead Man Walking zum ersten Mal sah. In Texas wurde diese Regelung Mitte der 90er Jahre einführt. Ich glaube, dass dahinter der Gedanke steht, die Angehörigen der Opfer hätten ein Recht darauf und es könne ihnen irgendwie helfen, mit der ganzen Sache abzuschließen. Die Erwartung, danach neu anfangen zu können, erfüllt sich aber nicht. Das Schlimme daran ist, dass Opferangehörige, die jahrzehntelang an dieser Hoffnung festhaltend auf den „Tag x“ warten, am Ende all diese Jahre verschenken, anstatt zeitnah das Geschehene und ihre Gefühle mit einem Psychologen aufzuarbeiten.

MSN: Ist die Mehrheit der Menschen, die ein Familienmitglied oder einen Freund durch einen Mord verloren haben, für die Todesstrafe? Gibt es dazu Statistiken?
Generell liegt die Zustimmung zur Todesstrafe bei den US-Amerikanern derzeit bei 56 Prozent. Betrachtet man nur die bekennenden Republikaner, sind es sogar 70 bis 80 Prozent. Ich vermute, dass von denen, die als Opferangehörige betroffen sind, eher noch ein größerer Prozentsatz für die Todesstrafe votieren würde, aber dazu kenne ich keine Statistiken. Es gibt andererseits einige Opferangehörige, die dezidiert dagegen sind und sich in der Initiative „Journey of Hope“ organisiert haben.

MSN: Es heißt immer, die Todesstrafe diene auch der Abschreckung, tut sie das wirklich?
Nein. Statistiken belegen relativ gut, dass sie nicht abschreckender ist als lebenslange Haft. Man hat untersucht, ob die Mordrate in Staaten, in denen die Todesstrafe abgeschafft wurde, danach gestiegen ist, aber das ist nicht der Fall. Die meisten Täter denken über Konsequenzen gar nicht nach. Und wer wirklich minutiös das perfekte Verbrechen plant, geht davon aus, dass er nicht erwischt wird.

Dead Man Walking / Theater Erfurt (c) Marcel Krummrich
Fotos; Dead Man Walking (c) Marcel Krummrich

LW: Unter welchen Umständen leben die zum Tode Verurteilten?
In Texas sitzen alle in Einzelhaft und das für 22 bis 24 Stunden am Tag. Eine Zelle dort ist ungefähr zwei mal drei Meter groß, ein Wohnklo mit Bett sozusagen. Sich in einem Gemeinschaftsraum treffen oder arbeiten dürfen die Insassen nicht. Ich bin weit davon entfernt, einen Luxus-Knast zu fordern, aber ich finde, man sollte den Häftlingen die Möglichkeit geben zu arbeiten und anderen dadurch etwas zurückzugeben oder Aufgaben zu übernehmen, die dem Leben noch einen gewissen Sinn verleihen.

MSN: Furchtbar, unter solchen Umständen jahrzehntelang auf den Tod warten zu müssen.
Es gibt natürlich Länder, in denen Todesurteile binnen kürzester Zeit vollstreckt werden. In den USA dauert das Jahrzehnte, weil es mehrere Berufungsverfahren gibt. Eins ist verpflichtend, da kann noch nicht einmal der Häftling sagen, dass er darauf verzichten will. Dann folgen je nach Staat unterschiedlich viele Revisionen, die der Verurteilte in Anspruch nehmen kann. Wenn man dieses Verfahren verkürzen würde, wären sicher einige, die mittlerweile freigesprochen wurden, schon nicht mehr am Leben.

MSN: Was kann man hier von Deutschland aus für die Häftlinge tun? Man kann sie sicher mit Briefen seelisch unterstützen, aber was ist mit dem System und dem Prinzip Todesstrafe? Was kann man da erreichen?
Wir als Initiative gegen die Todesstrafe e. V. können uns natürlich an öffentlichen Briefen und Unterschriftensammlungen beteiligen, die jedoch nicht direkt die Abschaffung bewirken. Aber weltweit gibt es ca. 150 Organisationen, die sich zu einer World Coalition gegen die Todesstrafe zusammengeschlossen haben. Da sind dann auch Anwälte dabei und solche, die im politischen Bereich tätig sind und schon Erfolge erzielen konnten. Vor 30 Jahren gab es nur 66 Staaten, in denen es keine Todesstrafe gab. Aktuell zählen wir 142. Die Tendenz geht also ziemlich eindeutig in Richtung Abschaffung der Todesstrafe.

MSN: Jemand, der im Todestrakt sitzt, erhält durch Sie und Ihre Briefe einen Kontakt zur Außenwelt. Aber was haben Sie davon? Man tut doch nichts so ganz ohne Eigennutz.
Wie jede Freundschaft ist es immer ein Geben und Nehmen. Ich lese mit Interesse, was derjenige mir schreibt, und der andere interessiert sich im Gegenzug für mein Leben. Wenn ich mal eine schwierige Phase im Leben hatte, haben meine Brieffreunde versucht, mich aufzurichten. Insofern stimmt das schon: Für mich ist dieses Engagement nicht rein altruistisch, keine reine Nächstenliebe und Aufopferung meinerseits.

LW: In Dead Man Walking wird Sister Helens anfängliche Angst vor dem Häftling geschildert. Sie besucht ihn zunächst eher aus einem Gefühl ethischer und seelsorgerischer Verpflichtung heraus.
Ich glaube, das ist bei ihr eine stärkere Antriebskraft als bei mir. Was den Stoff Dead Man Walking als Auseinandersetzung mit der Todesstrafe so überzeugend macht, ist, dass der Todeskandidat Joseph de Rocher ein Kotzbrocken ist – absolut kein Sympathieträger.
Es ist viel einfacher, gegen die Todesstrafe zu sein, wenn es nicht um so einen unangenehmen Menschen geht. Und ich finde gut, dass in Dead Man Walking alle Seiten zu Wort kommen: nicht nur der Täter, man sieht auch, durch welche emotionalen Achterbahnen sowohl die Angehörigen der Opfer als auch die der Täter gehen.
Die Musik löst dabei große Gefühle aus. Andererseits enthält sie Melodien, nicht unbedingt Ohrwürmer sind. Bei einem so ernsten Thema wäre das auch nicht der richtige Weg. Gerade, dass die Musik immer wieder andere Wendungen nimmt als erwartet, passt sehr gut.

Mehr zur Oper und unseren Begleitveranstaltungen gibt es hier.

 

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Eingestellt von

Larissa Wieczorek

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