Vivaldi heute – Sind das noch unsere Jahreszeiten?

0 KommentareVeröffentlicht am Categories Im Scheinwerferlicht

Vor dem Hintergrund von Waldbränden, katastrophalen Stürmen und einem steigenden Meeresspiegel klingen Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten beinahe etwas naiv und zu schön um wahr zu sein. Trotzdem ist es wichtig, sich von dieser Musik begeistern zu lassen – auch im Hinblick auf einen verantwortungsvollen Umgang mit dem aktuellen Weltklima!

Gekommen ist der Frühling und festlich
begrüßen ihn die Vögel mit fröhlichem Gesang.
Und die Quellen zum Säuseln der Westwinde
fließen mit ebenso süßem Gemurmel.

Aus dem Sonett La Primavera
Foto: © Alexandra Kehr

Die vier Violinkonzerte, die Antonio Vivaldi 1725 unter dem Titel Die vier Jahreszeiten (Le quattro staggioni) veröffentlichte, sind heute ein Paradebeispiel für die so genannte Programmmusik, obwohl es den Begriff zu Vivaldis Zeiten noch nicht gab. Unter Programmmusik fasst man musikalische Werke zusammen, die die Welt jenseits der Noten abbilden. Dazu bediente sich Vivaldi vielerlei Kunstgriffe, ahmte mit musikalischen Mitteln Wetterphänomene, Tierstimmen und Alltagssituationen nach. Im ersten Satz des Frühlings sind singende Vögel und sprudelnde Quellen zu hören. Im Sommer erklingen Wetterextreme wie sengende Sonne und ein Hitzegewitter. Der Herbst ist geprägt von Jagd- und Volksfestromantik. Und im Winter zeichnet der Komponist nicht nur die Böen eines Schneesturmes nach, sondern findet auch eindrückliche Klänge für die Bewegungen von Schlittschuhläufern und für das aufbrechende Eis eines zugefrorenen Gewässers.

Um sicher zu gehen, dass auch tatsächlich jeder seine Tongemälde verstünde, schuf Vivaldi zu jedem der vier Konzerte ein Sonett, die höchste Form der damaligen Lyrik, und vermerkte die entsprechenden Verse in der Partitur. So haben wir auch dreihundert Jahre später noch die passenden Bilder im Kopf, wenn wir die Violinkonzerte hören.

Unter der harten Jahreszeit der brennenden Sonne
leidet der Mensch, leidet die Herde und es glüht die Pinie.
Der Kuckuck erhebt die Stimme und einvernehmlich
singen bald die Taube und der Stiglitz.
Aus dem Sonett L’estate
Foto: © Alexandra Kehr

Aber sind es denn noch unsere Jahreszeiten, die da zwischen Solo-Violine und Streichorchester ausgetragen werden? Bildet die Musik mit ihrem „Programm“ Realität nach oder entspringt sie einem Märchen? Fragen wie diese hat das Konzert „For Seasons“ aufgeworfen: Am 16. November 2019 spielte das NDR-Orchester unter Leitung von Alan Gilbert in der Hamburger Elbphilharmonie eine aktualisierte Version der Vier Jahreszeiten, wie man sie noch nie zuvor gehört hatte. In Zusammenarbeit mit Künstlerkollektiven und Universitäten entstand dieses Projekt, das die Klima-Unterschiede zwischen der vorindustriellen Zeit und heute ästhetisch erfahrbar machen wollte. Ausgehend von Wetter- und Umweltdaten für die Entstehungszeit der Konzerte in Norditalien berechnete ein Algorithmus die Unterschiede zur aktuellen Klima-Situation. Bedacht wurden Temperatur-Differenzen, die Häufigkeit von Hitzewellen und Stürmen sowie der Rückgang der Singvogel-Vielfalt in Europa. In der Partitur schlugen sich die Ergebnisse in fehlenden Noten, gestrichenen Passagen und einer Vermischung der Jahreszeiten nieder.

Ein Mitschnitt des Konzerts kann hier abgerufen werden.

Es feiert der Bauer mit Tänzen und Liedern
die Freude über die glücklich eingebrachte Ernte.
Und vom Saft des Bacchus beschwingt
beschließen viele mit Schlaf das Freudenfest.

Aus dem Sonett L’autunno
Foto: © Alexandra Kehr

Darf man das dem alten Vivaldi antun? Vielleicht ist eben das der Preis für die Unsterblichkeit eines Werkes: Es muss sich jederzeit an neuen Entwicklungen und Kontexten messen lassen. Die Wetterverhältnisse zu Vivaldis Zeit sind genauso Geschichte wie er selbst. Sie leben nur fort in Simulationen von Meteorologen und in seinen Vier Jahreszeiten.

Wenn wir Kunst nicht auf den Rang von verstaubten Museumsstücken verweisen wollen, müssen wir uns in aktuellen Kontexten mit ihr auseinandersetzen, immer wieder neue Aspekte finden, die sie für uns relevant machen. Aber all das funktioniert natürlich nur, wenn wir den Ursprung nicht vergessen. Die beeindruckende und vielleicht verstörende Wirkung des Projekts „For Seasons“ kann sich nur entfalten, wenn das Publikum die Originalkonzerte kennt und ihre Abwandlungen als fremdartig empfindet.

Vor Kälte zittert man inmitten des eisigen Schnees
bei strengem Wehen eines entsetzlichen Windes.
Man läuft mit unablässig stampfenden Füßen
und klappert vor zu viel Frost mit den Zähnen.
Aus dem Sonett L’inverno
Foto: © Alexandra Kehr

Bevor Sie also Ihre Karten umtauschen: Die Solistin Diana Tishchenko und die Philharmonischen Solisten spielen am Samstag die Vier Jahreszeiten so, wie Vivaldi sie komponierte. Es erklingen also die „quattro staggioni“ des frühen 18. Jahrhunderts. Eskapismus für die Ohren? Das muss es nicht sein! Erinnern wir uns an eine Welt, in der der Mensch die Jahreszeiten nur bestaunen und sich von ihnen inspirieren lassen konnte, aber sie noch nicht veränderte und manipulierte. Wenn wir diese Erfahrung mit in den Alltag nehmen und uns vielleicht bei der nächsten Klima-Katastrophen-Meldung an sie erinnern, dann geben wir Vivaldis Werk die Chance, mehr zu sein als „nur“ schöne Musik aus einer vergangenen Zeit.

 

07.03.2020 | 20 Uhr | Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten mit Diana Tishchenko und den Philharmonischen Solisten

Programm
Johann Sebastian Bach, Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048
Edward Elgar, Serenade für Streichorchester e-Moll op. 20
Antonio Vivaldi, Die vier Jahreszeiten Violinkonzerte op. 8 Nr. 1 – 4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Eingestellt von

Stephan Drehmann

Stephan Drehmann