Über Stock und über Stein

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Herzlich Willkommen an der Grundschule in Friedrichroda!

1 Woche – 3 Konzertpädagoginnen – 13 Musikerinnen und Musiker – 21 Konzerte – 23 Instrumente – 676 Kinder und Jugendliche – 677 zurückgelegte Kilometer

Lange und mit viel Herzblut haben wir geplant, haben ganze Tage und Wochen damit verbracht Konzertkonzepte zu entwickeln, Musikstücke in den richtigen dramaturgischen Ablauf zu bringen und zu tüfteln, wie Konzerte für Kinder und Jugendliche mit Gesprächen über den Beruf des Musikers und das Instrument an sich verbunden werden können. Dann war es letzte Woche endlich soweit: Unsere Mini-Orchester gingen auf Reisen – und zwar durch ganz Thüringen.

1 Solo, 1 Duo, 2 Trios und ein Quintett – Große Klänge für junge Ohren

Insgesamt fünf Konzerttouren waren als Einzel- oder Doppelvorstellung in Klassenzimmern und Kindergärten unterwegs. Jede Tour war anders, für sich einzigartig, keineswegs nur leichte Kost und machte auch vor großen Namen keinen Halt – denn auch junge Ohren haben Anspruchsvolles verdient! Unsere „Tour 1“ bestritt Lukas allein mit seiner Trompete. Im Gepäck hatte er nicht nur die Titelmelodie von Star Wars, sondern auch eine flotte Polka und einen Ausschnitt aus Bizets Carmen. Roland und Jakob an Geige und Cello gaben als „Tour 2“ Mozart-Melodien und Halvorsens Passacaglia zum Besten. In „Tour 3“ präsentierten Norina, Jakob und Moritz mit Flöte, Fagott und Klarinette Beethovens Variationen über eine Mozartarie. Joachim, Anna, Gundula, Jaegyung und Ivana spielten sich als Streichquartett plus Akkordeon in der „Tour 4“ durch eine ganze Gefühlswelt mit Tangomelodien von Astor Piazzolla und Marieke, Kilian und Marina erzählten mit Tanz und Schlagwerk den Entstehungsmythos der Marimba.

Im Gepäck: Ahornsirup, Desinfektionstücher und ein Gartenschlauch

Neben schönen Klängen wollten wir natürlich auch die Chance nutzen, unserem jungen Publikum die Instrumente näher zu bringen und überhaupt mal über die Musik zu sprechen. Wie klingt Musik – verliebt oder ängstlich? Was verbinden die jungen Zuhörer mit diesen Gefühlen? Woraus besteht eigentlich ein Fagott? (Na klar, aus Ahornholz!) Finden die kleinen Lauscher Schnecke und Frosch bei der Geige und beim Cello? Nicht nur zuhören, sondern auch mitmachen war angesagt! Wer bekommt den schönsten Ton aus der Gartenschlauch-Trompete und wer versucht sich an der Mini-Violine? Schiefe Töne machten uns da gar nichts aus, denn es gibt kaum was Schöneres als strahlende, stolze Kinderaugen, wenn sie zum ersten Mal ein Instrument ausprobieren dürfen!

Über Stock und über Stein – Thüringens huckelige Straßen mit Fahrrad, Astra und Theaterbus

Für unser kleines Konzertfestival musste im Vorfeld Einiges an Logistik geklärt werden: Wer fährt wann wohin und womit überhaupt? Nach ausgefeilter Puzzlelei und gewiefter Routenplanung mit Google Maps stand der Tourplan und der Theaterfuhrpark – bestehend aus Theaterbus, Opel Astra Kombi und dem guten alten Drahtesel – konnte sich auf den Weg ins Thüringer Land machen. Unser Zeitplan war straff, aber schön. Von Erfurt aus ging es in alle vier Himmelsrichtungen: Von Weimar bis Friedrichroda, von Plaue bis Mühlhausen. An dieser Stelle übrigens ein großes Danke an unseren Fahrer Rolf, der den Theaterbus so souverän über Thüringens zum Teil doch sehr holperige Straßen gelenkt hat!

Jeden Tag woanders heißt auch Ein- und Ausladen - aber immer mit einem Lachen auf dem Gesicht!
Jeden Tag woanders heißt auch Ein- und Ausladen – aber immer mit einem Lachen auf dem Gesicht!

Von Mundharmonikas, Papa Pinguin, Skepsis und Irritation …

Was wir in der vergangenen Woche erlebt haben, war bunt und vielfältig, hat uns verwundert, gefreut, zum Lachen und zum Nachdenken gebracht. Gefreut hat uns die Offenheit des jungen Publikums und der Einfallsreichtum der Kinder: Die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Friedrichroda spielten uns gar ein Ständchen auf der Mundharmonika – schließlich ist Friedrichroda der Geburtsort dieses von Friedrich Buschmann erfundenen Instruments und die Mundharmonika ist bekanntlich ein gar nicht so entfernter Verwandter des Akkordeons. Wie passend also, dass gerade die Piazzolla-Tour mit Streichquartett plus Akkordeon hier zu Besuch war! Die Kinder vom Fuchsgrund in Erfurt erkannten in den Polka-Tanzschritten ihren Lieblingstanz wieder und präsentierten als Konzertzugabe ihre Choreo „Papa Pinguin“. Zum Lachen gebracht haben uns so manche O-Töne: „Es gibt nicht nur den Frosch an der Geige. Immer wenn ich einen Frosch sehe, küsse ich den. Hat aber bisher noch nichts gebracht!“

Skepsis und Irritation wandeln sich in Offenheit und Neugier!
Skepsis und Irritation wandeln sich in Offenheit und Neugier!

Verwundert und zum Nachdenken gebracht hat uns die Mischung aus Skepsis, Irritation und Neugier, mit denen die Programme aufgenommen wurden. Für manches Kindergartenkind sind Trompeten- oder Streicherklänge derart fremd und beängstigend, dass es sich beispielsweise erst einmal die Ohren zu hält. Marimba und Vibraphon sind natürlich Instrumente, die man nicht jeden Tag sieht. Dass die ersten Töne aber sogar Lachen und Kichern bei den Jugendlichen auslösen, weil man sie tatsächlich wohl vorher noch nie gehört hat – wow! Auch die zeitgenössische Choreographie, die so existentielle Themen wie Liebe oder Krieg vertanzt, erntet zunächst skeptische Blicke. Aber eben diese Blicke wandelten sich im Laufe des Konzerts zu Faszination, ehrlichem Interesse und zur Offenheit und auch die Kinderhände geben die Ohren wieder frei, weil es keine schlimmen, sondern wunderschöne Klänge sind, die auch kleine Ohren hören wollen. Und wenn es dann sogar so weit geht, dass Schüler/innen selbst mal Hand anlegen und das Instrument ausprobieren wollen und aus dem Fragenstellen nicht mehr herauskommen, dann haben wir unseren Bildungsauftrag „Musik und Kunst auf’s Land zu bringen“ ja wohl voll erfüllt! Und wenn wir dann nicht nur Applaus bekommen, sondern auch ein „Danke, dass ihr da wart“ hören oder sogar ein „War doch ganz schön cool!“, dann sind wir glücklich!

Unser kleines Fazit:

Anstrengend, wunderschön und wiederholungsbedürftig!
Anastassia, Henrike & Marieke

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Eingestellt von

Henrike Bruns

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