Über die Unmöglichkeit, eine “Kunst der Fuge” zu proben

2 KommentareVeröffentlicht am Categories auf der Bühne, dies & das, Hinter den Kulissen, Im Scheinwerferlicht

Der Erfurter Kammermusikverein spielt am 19. März um 11 Uhr im Großen Haus eine sehr besondere Fassung von Johann Sebastian Bachs “Kunst der Fuge”. Über die spezielle Besetzung, die Idee zur Aufführung und die Schwierigkeiten bei den Proben habe ich mit Kammermusikerin und Violinistin Gundula Mantu gesprochen.

Ein Konzert des Kammermusikvereins im Großen Haus? Das ist Premiere, oder?

Ja, das gab es bisher noch nicht. Genauso wenig wie ein Kammerkonzert mit solch großer Besetzung! Dieses Konzert wird aber vorerst das einzige im Großen Haus bleiben, da sich der Rathausfestsaal bestens für Kammermusik eignet und mittlerweile seit mehr als 10 Jahren vom Publikum sehr gut angenommen wird.

Wie kam es zu diesem Projekt? Wer hatte die Idee?

Es gab vor einigen Jahren die von Heribert Breuer, dem Leiter der Berliner Bachakademie, bearbeitete Fassung der „Kunst der Fuge“ als Projekt an der Leipziger Musikhochschule. Eine Aufnahme davon hat mich so sehr begeistert, dass ich diese Fassung unbedingt einmal in Erfurt spielen wollte. Ich habe das dann im Kammermusikverein vorgeschlagen und bin auf große Resonanz gestoßen. Dass wir nun im Großen Haus spielen, war ein wenig aus der Not heraus geboren, denn in den Rathausfestsaal hätten zwei Flügel, eine Orgel, 17 Musiker und 500 Zuschauer, die wir brauchen damit sich das ganze finanziert, nicht reingepasst.

Klaviere, Vibraphon, Orgel, Bläserquintett, Streicher, Blockflöten, Gamben – 17 Musiker! Das klingt nach sinfonischer Bearbeitung, nach einer illustren Klangmischung… 

Breuer hat eine Fassung für vier Quartette und Orgel erstellt. Jede Fuge wird entweder durch ein Quartett, Streichquartett, Bläserquartett, zwei Blockflöten und zwei Gamben oder das vierte Quartett mit zwei Klavieren, Vibraphon und Kontrabass gespielt. Die Orgel spielt die Kanons, die Bach in sein beispielhaftes Werk der Kontrapunktik eingefügt hat.

Erklären Sie bitte für alle Musiktheorie-Laien den Begriff Kontrapunktik…

Kontrapunktik ist zum Beispiel ein Kanon. Jemand singt ein paar Takte eine Melodie, aber schon nach zwei Takten beginnt ein anderer Sänger dieselbe Melodie dazu singen, nach zwei Takten setzt der dritte Sänger ein usw. Die Melodie ist so komponiert, dass es immer gut zusammenklingt, obwohl man zeitversetzt einsetzt. Eine Fuge funktioniert ähnlich, sie ist auch ein Kontrapunkt-Stück. Da singt die neu einsetzende Stimme dieselbe Melodie nach zwei Takten, nur fünf Töne höher. Und eine dritte Stimme wieder von einer anderen Tonhöhe. Es klingt aber immer gut zusammen. Der Komponist macht sich dann ein Spiel daraus, die Melodien auch mal rückwärts, spiegelverkehrt oder doppelt so schnell oder halb so langsam einsetzen zu lassen. Das ist eine echte Kunst!

Aber warum nun dieser Aufwand für ein einziges Konzert?  

Der Reiz dieser Fassung besteht darin, aus einem quasi “Studienwerk” der Kontrapunktik ein lebendiges, farbiges höchst originelles, vielfältiges Klanggebilde entstehen zu lassen. Die Quartette spielen einige Fugen nur zu viert, aber einige auch miteinander kombiniert. Manche Instrumente wie der Bass, die Klarinette oder das Vibraphon geben klangliche Verstärkung oder den “Goldstaub” auf wichtige einzelne Töne und Passagen. Plötzlich hört man musikalische Themen, Nebenstimmen, die einem sonst leicht entgehen.

So viele Instrumente, so viele Musiker. Wie findet man sich zu den Proben?

Um eine Probe auszumachen, versende und empfange ich erst einmal mindestens 32 Mails. Dann sind 17 Sonderwünsche zu beachten. Die Freiberufler unterrichten nachmittags, wir Orchestermusiker haben vormittags und abends Theaterdienste. Manch einer muss noch zu einer anderen Probe und deshalb früher gehen, ein Musiker ist nicht ganz wieder gesund, unsere Akademisten müssen studieren…  Auch sind unsere hauseigenen Fagottisten alle am 19.3. auswärts zusammen musikalisch unterwegs. Also brauchten wir einen Fagottisten als Gast. Das waren auch wieder viele Telefonate bevor wir dann endlich einen guten Fagottisten gefunden hatten. Der ist allerdings auch in einem anderen Orchester angestellt und kann deshalb nur zeitlich begrenzt für uns da sein. Am Ende fanden sich dann aber doch knapp bemessene, aber 16fache gemeinsame Zeitfenster für die Proben.

Wer leitet die Proben? Gibt es einen Dirigenten? 

Ein Dirigent ist im Budget nicht vorgesehen. Aber es zeigte sich, dass die gute, nützliche und erforderliche Qualität eines Dirigenten ihre Berechtigung hat. Jemand muss bei solch einem komplexen und erst einmal schwer zusammenzuspielenden Stück den Takt geben, bei 36 zu zählenden Takten einen Einsatz geben. Wir haben ja das Glück, dass der 1. Kapellmeister des Theater Erfurt, Samuel Bächli, als Pianist gemeinsam mit seinem Bruder Tomas Bächli mitwirkt und uns dirigentisch in den Proben aushilft, wenn er nicht gerade selbst zu spielen hat. Ansonsten entdeckt mein Mann, der Cellist Eugen Mantu gerade sein Talent fürs Dirigat. Am Ende der Proben wird sich herausstellen, ob wir dann besser mit oder ohne Dirigenten klarkommen.

Was kostet diese Aufführung?

Es ist ein definitiv ein großer finanzieller Aufwand. Allein die Notenausleihe hat ein paar hundert Euro gekostet – finanziert durch Rücklagen des Erfurter Kammermusikvereins. Die Erfurter Musiker spielen für ganz wenig Geld und die Gäste zum Freundschaftspreis. Den Großen Saal im Theater bekommt der Kammermusikverein durch seine Kooperation mit dem Theater Erfurt aber zu einem sehr fairen Preis. Ein privater Sponsor half uns, die Kosten dafür zu bestreiten.

Karten gibt es im Vorverkauf an der Theaterkasse zu den üblichen Preisen der Kammerkonzerte oder im Internet über www.theater-erfurt.de  oder telefonisch unter 22 33 155. Kinder haben freien Eintritt. Am Tag der Aufführung gibt es auch eine Tageskasse.

Foto: Lutz Edelhoff

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

2 Kommentare zu “Über die Unmöglichkeit, eine “Kunst der Fuge” zu proben”

  1. Liebe Musikfreunde, lasst Euch bitte nicht die einmalige Gelegenheit entgehen, Bachs Meisterwerk, welches man sonst meist nur in der “trocken” wirkenden solistischen Version für Orgel oder Klavier zu hören bekommt, in einer farbigen, klangvollen Aufführung mit großer
    Besetzung zu erleben. Dem Kammermusikverein gebührt große Anerkennung für sein Engagement und seinen Mut, dieses tolle Projekt zu verwirklichen!

Eingestellt von

Alexandra Kehr

Erfahren Sie hier mehr