Tenor Brett Sprague über Hoffnungen und Wünsche für 2021

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Brett Sprague

Bis vor einem Jahr waren für den US-amerikanischen Tenor Brett Sprague regelmäßige Besuche bei seiner Familie in Amerika selbstverständlich. Mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie hatte sich das erledigt, und auch in naher Zukunft ist nicht absehbar, wann das wieder möglich sein wird. Den Sommer über hat der 32jährige größtenteils in Erfurt verbracht, seiner Wahlheimat seit September 2019. Während der Theaterferien im Sommer erkundete er diese und die nähere Umgebung mit anderen Ensemblemitgliedern, die wie er selten bis gar nicht größere Reisen unternahmen. Oder natürlich mit seiner Freundin Amelia Elson, einer freischaffenden Opernsängerin, die wie Brett Sprague ebenfalls aus den USA stammt und inzwischen auch in Erfurt lebt. 

Gemeinsam mit ihr hofft Brett Sprague wie alle anderen Sängerinnen und Sängern an den derzeit geschlossenen deutschen Bühnen darauf, bald wieder vor Publikum singen zu dürfen. Denn aktuell finden in Deutschland nur Proben hinter verschlossenen Theatertüren statt. Ein Zustand, der nicht leicht auszuhalten ist und umso schwerer fällt, wenn die eigene Familie, die Freundin, der Ehemann vielleicht tausende Kilometer weit weg ist. Gottseidank gibt es Facetime, Skype oder andere Videotelefonie-Möglichkeiten. Aber eine Umarmung, Berührung mit den Liebsten kann das natürlich nicht ersetzen. Für Brett Sprague und Amelia Elson ist es ein großes Glück, sich in diesen Zeit ganz nah sein zu können. So oft es geht, sind beide unterwegs in der Natur, kochen gemeinsam und werden auch Weihnachten miteinander verbringen können.

Brett Sprague
Brett Sprague in „Die Rache der Fledermaus“ © Lutz Edelhoff

Während der Endproben zu Die Rache der Fledermaus (Premiere war für das vergangene Wochenende geplant) bat ich ihn um Antworten auf ein paar Fragen. Herausgekommen ist ein Interview über das Leben in diesen Zeiten, die Präsidentschaftswahl in den USA, wandern im Thüringer Wald, Nähe sowie die große Sehnsucht, bald wieder auf der Bühne zu stehen und Familie und Freunde wieder in die Arme zu nehmen.

Wie geht es Dir gerade? Wie sieht Dein (Corona-)Alltag aus?

Mein tägliches Leben hat sich seit Beginn der Pandemie sehr verändert. Doch jeder Tag beginnt immer mit einem Kaffee und einem gutem Frühstück. Seit März verbringen Amelia und ich die meiste Zeit im selben Haus, um unseren Kontakt mit weiteren Menschen zu beschränken. Ich bin dankbar, dass fast jeder Tag mit ihr gemeinsam beginnt und endet. Das bringt Licht selbst in die schwierigsten Tage. Wenn ich in den vergangenen Wochen nicht für Proben auf der Bühne stand, habe ich gemeinsam mit unserem Korrepetitor Stefano Cascioli mein Rezital-Programm Shakespeare and Van Gogh in Song für die Studio.Box vorbereitet. Termin dafür war im November, und es wurde ebenso verschoben wie viele weitere Produktionen, bei denen ich mitwirke und für die ich auch weiterhin probe damit ich vorbereitet bin, wenn es wieder losgehen kann. Wenn das Wetter gut ist, fahre ich ein bisschen mit dem Fahrrad. An den Wochenenden gehen Amelia und ich wandern, um frische Luft zu schnappen und uns zu bewegen. 

Brett Sprague und Amelia Elson
Brett Sprague und Mia Elson

Du hattest zu Beginn unserer aktuellen Spielzeit eine Rolle in Drunter und drüber, einer Produktion, die den ersten Lockdown thematisiert hat. Jetzt sind wir in einem zweiten Lockdown. Wie gehst Du damit um?

Ich verstehe die Notwendigkeit der Einschränkungen und auch das Tragen einer Maske solange es keinen Impfstoff gibt. Natürlich war es nicht leicht, sich darauf einzustellen, aber ich werde mich auch weiterhin an die Empfehlungen und Regeln halten – zum Schutz meiner eigenen Gesundheit und der Gesundheit anderer Menschen in meiner Umgebung. Auch wenn die Maßnahmen jetzt noch einmal verschärft wurden, müssen Amelia und ich nicht allzu viel an unserem Tagesablauf ändern. Wir kommen schon eine ganze Weile gut zurecht. Wir langweilen uns auch zu Hause nicht. Je nach Stimmung, schauen wir auch gute Shows und Filme an. Allerdings freue ich mich natürlich schon sehr auf den Tag, an dem wir uns wieder mit Kollegen in der Theaterkantine treffen können oder mit Freunden in ein Restaurant gehen können oder auf Volksfeste wie einen Weihnachtsmarkt.

Wenn man als Berufssänger nicht so oft singen kann, verändert sich dann eigentlich auch die Stimme?

Wenn ich mir zu viele Tage frei nehme, ohne richtig zu singen, kann das die Stimme schon ein wenig verändern. Ich muss in Form bleiben! Also übe ich in meinem Wohnzimmer. Es ist sehr wichtig, sich auszuruhen, wenn es nötig ist, aber es ist ebenso wichtig, die Stimme in Bewegung zu halten. Das ist definitiv viel schwieriger, wenn wir Sänger nicht so oft auf der Bühne sein können.

Du hast großes Glück, dass Deine Freundin bei Dir ist. Wie sieht Eure Vorweihnachtszeit aus?

Ich bin überglücklich, Amelia in dieser Zeit bei mir zu haben. Wir lieben Weihnachten in Deutschland und sind glücklich, dass wir hier unsere Familientraditionen mit neuen Traditionen verbinden können. Im vergangenen Dezember haben wir auf einer kleinen Reise in verschiedenen deutschen Städten Weihnachtsmärkte besucht bevor Amelia ein Vorsingen in Wien hatte. In diesem Jahr wollten unsere Familien eigentlich nach Erfurt kommen und die Feiertage mit uns verbringen. Das ist jetzt nicht möglich, aber meine Wohnung haben wir dennoch geschmückt, und jeden Sonntag machen wir in meinem Innenhof ein Feuer und trinken Glühwein. Es ist nicht dasselbe ohne liebe Freunde, aber wir genießen die Zeit dennoch und sind glücklich.

In Amerika ist Thanksgiving Ende November ja ein wichtiges, großes Fest. Hast Du das auch hier in Erfurt gefeiert?

Ja, und ob! Wir haben auf traditionelle amerikanische Art und Weise gefeiert und ein Fest auf der Grundlage unserer Familienrezepte veranstaltet. Ich habe eine große Putenbrust, Soße und das ‚Cornbread Dressing‘ meiner Großmuttern zubereitet. Amelia machte das Kartoffelpüree mit Karamelkarotten und Preiselbeersauce nach Rezepten ihrer Familie sowie einen unglaublichen Apple Crisp zum Dessert. Und natürlich haben wir mit unseren unseren Familien gechattet. Die Verbindung mit Familie und Freunden ist für uns der wichtigste Teil des Thanksgiving! 

Thanksgiving Brett Sprague
Thanksgiving-Festessen bei Brett und Amelia

Vielleicht noch kurz: Warum genau feiert man Thanksgiving?

Thanksgiving ist in den Vereinigten Staaten ein wichtiger Feiertag, an dem Familie und Freunde zusammenkommen, um gemeinsam zu essen und darüber zu sprechen, wofür man dankbar ist. In einem normalen Jahr wird dann zusammen gekocht und Zeit mit Menschen verbracht, die man liebt. Ursprünglich markierte der Feiertag eine gemeinsame Mahlzeit der Pilger und der amerikanischen Ureinwohner während der frühen Kolonialisierung Nordamerikas.

Amelia und Du habt zu dieser Zeit natürlich auch die US-Wahlen verfolgt. In deinem Social Media Profil habt ihr ganz offen darauf hin gefiebert, dass Joe Biden gewinnt. Wie habt ihr die Stimmenauszählung erlebt? Und wie war der Austausch mit der Familie in Amerika?

Die Wahl in diesem Jahr war und so eine unglaublich andere Erfahrung als je zuvor. Aufgrund der Pandemie gab es ja viel mehr Briefwahlen, so dass sich die endgültige Entscheidung um mehrere Tage verzögerte. Amelia und ich haben die amerikanischen Nachrichtensender verfolgt, denen wir vertrauen. Es war so spannend, dass wir abwechselnd geschlafen haben um die Ergebnisse bei der Verkündung mitzuerleben. Letztendlich waren wir sehr glücklich über den Sieg von Joe Biden und Kamala Harris. Mein Kontakt zur Familie war sehr intensiv während dieser Zeit und all meine engsten Familienangehörigen und Freunde sind mit dem Ergebnis zufrieden!

Brett und Amelia "im US-Präsidentschaftswahlkampf"
Brett und Amelia „im US-Präsidentschaftswahlkampf“

Was wünschst Du Dir für Dein Heimatland unter der neuen Regierung?

Ich habe viele Hoffnungen für die Zukunft und darüber hinaus. Aber mehr noch als die Politik, die ich mir wünsche, hoffe ich auf eine Rückkehr des politischen Diskurses in Amerika mit Höflichkeit und Respekt. Ich hoffe, dass die Menschen ein positives Beispiel eines Präsidenten sehen, einer Person, die an Wissenschaft und Wahrheit statt an Konspirationen und Propaganda glaubt. Als Amerikaner, der das große Glück hatte, im Ausland zu leben, habe ich aus meinen Erfahrungen in Deutschland und in anderen Ländern der Welt sehr viel gelernt. Ich hoffe, dass unser Land wieder die Arme für die Welt öffnet und Ideen austauscht, damit wir alle als globale Gemeinschaft wachsen können.

Du teilst in den sozialen Medien auch gern Bilder von Deinen/Euren Wanderungen im Thüringer Wald. Erinnert er Dich vielleicht auch ein ganz kleines bisschen an Deine Heimat Tacoma?

Meine Wanderungen im Thüringer Wald sind zu einem Höhepunkt in jeder Woche geworden. Es ist der Tag, an dem ich wirklich neu beginnen kann und mich erfüllt fühle. Inspiriert wurden wir übrigens von unseren Nachbarn, die uns das „Waldbaden“ näher brachten. Amelia und ich lieben es! Tatsächlich erinnert mich der Thüringer Wald ein wenig an die Gegend um Tacoma. Und dann fühle ich mich wie in den Wäldern der Cascade Mountains. Wir alle haben das Glück, diese wunderschöne Natur so nahe bei uns zu haben.

Wo warst Du schon überall im Thüringer Wald und wieviel Kilometer hast du schätzungsweise schon erwandert?

Ich weiß nicht, wie viele Kilometer wir insgesamt zurückgelegt haben. Einige Tage sind länger als andere. Einmal sind wir vom Weg abgekommen, und das war ein ziemliches Abenteuer! Bis jetzt waren wir an der Ohratalsperre, rund um Goldisthal, im Schwarzatal und an der Lütsche-Talsperre. Wir haben noch viele Pläne, ganz oben auf unserer Liste steht jetzt die Drachenschlucht.

In wenigen Tagen ist Silvester und das Jahr 2021 beginnt. Was wünschst Du Dir dafür ganz persönlich?

Vor allem hoffe ich natürlich, dass wir diese Pandemie hinter uns lassen können. Wenn das geschafft ist, möchte ich meine Familie wiedersehen, alle in die Arme schließen und ihnen die Schönheit Thüringens zeigen. Ich freue mich darauf, mich wieder mit Freunden treffen zu können, unsere Beziehungen weiter zu stärken und neue Orte in Europa zu erkunden. Außerdem wünsche ich mir, als Sänger und Interpret weiter wachsen zu können und in Erfurt vor großem Publikum wieder in schönen Inszenierungen auf der Bühne zu stehen. Bis wir von diesem Virus befreit sind, möchte ich zudem optimistisch bleiben und nie die Hoffnung verlieren! Uns allen wünsche ich Gesundheit, Hoffnung und Liebe. Mit all diesen Dingen ist die Welt ein schöner Ort.

Weihnachten bei Brett Sprague
Weihnachtsstimmung bei Brett und Amelia

Brett Sprague ist seit 2019 festes Ensemblemitglied am Theater Erfurt. Geboren in Tacoma an der Westküste Nordamerikas im US Bundesstaat Washington und nahe der Grenze zu Kanada, studierte er in Kalifornien und New York Gesang. Nach seinem Abschluss erhielt er erste Engagements in seinem Heimatland, 2018 führte ihn seine Karriere dann nach Europa wo er zunächst in Finnland und Schweden als Gasttenor verpflichtet wurde. Nach einem Engagement bei den Schlossfestspielen in Sondershausen, holte ihn schließlich unser Theater Erfurt 2019 fest ins Ensemble.

Interview: Alexandra Kehr

Fotos: privat (6)

Szenenfotos und Porträt: Lutz Edelhoff 

 

 

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