“Spiel der Verwandlungen mit Musik und Bildern”

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Bühnenprobe Fairy Queen ohne Kostüm und Maske

Mit The Fairy Queen – ein Sommernachtstraum steht die facettenreichste Produktion unserer aktuellen Spielzeit auf dem Programm – gemeinsam mit den Theater Waidspeicher, der Ulrike Quade Company aus den Niederlanden und dem Tanztheater Erfurt e. V. Schon die Vorbereitungen dauerten viele Wochen, mussten Puppenbau, Kostümausstattung und Choreografie auf den Weg gebracht werden. Seit knapp 4 Wochen laufen die Proben in unserem Theater. Traumhaft und magisch soll es werden, verspricht Regisseurin Ulrike Quade. Dramaturgin Susanne Koschig vom Theater Waidspeicher wollte es ein bisschen genauer wissen und hat Ulrike Quade zum Interview für unseren Blog getroffen. Für die Bilder haben wir unseren Theaterfotografen Lutz Edelhoff auf eine Probe geschickt.

Was ist das Besondere an „The Fairy Queen – Ein Sommernachtstraum“? Es ist ein Spiel der Verwandlungen, eine Oper und ein Theaterstück. Shakespeare hat die Komödie „Ein Sommernachtstraum“ anlässlich einer Hochzeit geschrieben. Purcell hat etwa einhundert Jahre später den Stoff zur Oper „The Fairy Queen“ bearbeitet. Sie wird auch als Masque oder Semi-Opera bezeichnet. Theaterstück und Oper existieren unabhängig voneinander. In unserer Inszenierung verknüpfen wir nun beides wieder miteinander. Sowohl inhaltlich als auch formal. In der Oper wird neben dem Gesang auch gesprochen, das heißt, die Sänger haben auch Text. Und es wird getanzt. Die Zuschauer erwartet ein Spiel der Verwandlungen mit Musik und Bildern. Bilder sind der Ort, in dem die Musik schwimmen kann. Es ist aber auch umgekehrt, dass Bilder in der Musik schwimmen.

Welche Bedeutung hat die Verknüpfung von Formen und Künsten für deine Theaterarbeit? Ich mache das immer in meiner Arbeit. Ich selbst habe eine Schauspielausbildung. Habe visuelles Theater studiert. Ich habe einen Master in Szenographie, also eine Ausbildung im Bühnenbild. Außerdem habe ich in Japan Puppenbau und Puppenspielen gelernt. Nach dem Studium habe ich dann auch noch mit Tänzern gearbeitet. Was zunächst verschiedene Einzelerfahrungen waren, habe ich seit 2006 in meiner Arbeit alles gebündelt: Musik – die Arbeit mit Sounds und Soundtracks, die extra komponiert werden, Tanz, Bewegung, Schauspiel. Meine Bilderwelten entstehen aus dem Zusammenspiel von Schauspiel und Tanz und Puppenspiel. In einer Vermischung und Durchdringung der Disziplinen.

Regisseurin Ulrike Quade bei einer Probe, links neben ihr: Regieeasisstent Markus Weckesser
Regisseurin Ulrike Quade bei einer Probe, links neben ihr: Regieeassistent Markus Weckesser

Wie können wir uns das konkret bei “The Fairy Queen – Ein Sommernachtstraum” vorstellen?  Es gibt eine Trennung der Leute. Jeder macht das, was er oder sie am besten kann. Es ist nicht wie im Musical, wo jeder alles können muss. Die Disziplinen werden inhaltlich verflochten, aber nicht auf die Personen bezogen, die werden getrennt, jeder kann etwas besonders gut und das macht er oder sie dann auch. Wobei diese Trennung nicht statisch ist, je nachdem, wo die Fähigkeiten der Sänger, Tänzer, Puppenspieler liegen. So werden eben auch die Sänger Texte bekommen, einzelne Puppenspieler werden singen, aber nur an bestimmten Stellen. Einzelne Figuren werden zum Teil durch mehrere Personen dargestellt. Und dann geht es natürlich um Verführung, auch um Verführung durch und in die andere Kunst: so zum Beispiel gibt es einen Sänger, der sich von den Tänzern zum Tanz verführen lässt. Das funktioniert, weil der Sänger diese Fähigkeit bereits mitbringt, er kann gut tanzen.

 

 

Das Puppenspiel ist ja eher eine Kunstform für die kleine Bühne. Allein schon wegen der Größe und damit auch des Gewichts der Puppen. Wie wird das auf der großen Bühne funktionieren? Und werden wir Sänger als Puppenspieler erleben? Nein. Die Sänger spielen nicht mit Puppen. Das machen die Puppenspieler. Die Puppen, die zu sehen sind, funktionieren sehr gut im großen Raum. Die beiden Puppen, die extra für diese Inszenierung in Japan hergestellt wurden, sind beinah lebensgroß. Sie werden durch je drei Spieler geführt. In einer ganz bestimmten Technik und Choreografie.

Was hat es mit den Skeletten auf sich? Weder bei Shakespeare noch bei Purcell gibt es einen Hinweis auf Skelette. Die Skelette gehören zu den Handwerken, die bei Shakespeare vorkommen und die lustigen Figuren in seinem Stück sind. Die Handwerker sollen ein Theaterstück zu einer Hochzeit aufführen. Also machen sie Theater im Theater. Sie spielen ein Stück im Stück. Das Stück, das sie aufführen, ist das von Pyramus und Thisbe, das sich wiederum auf Romeo und Julia bezieht. Mit diesem komischen Stück im Stück über Pyramus und Thisbe schrieb Shakespeare eine Persiflage auf seine eigene Kunst. Wir haben uns überlegt, welches Handwerk diese theaterspielenden Handwerker ausüben können und hatten die Idee, dass sie Totengräber sind. Totengräber, die Skelette entdecken. Eine Referenz zu Hamlet, da bedienen wir uns bei einem anderen Shakespeare-Stück. Die Freiheit, die Shakespeare sich genommen hat, nehmen wir uns auch. Durch die Tötengräber bekommt unsere Inszenierung aber auch eine existenzielle Ebene. Die sechs Handwerker mit ihren Skeletten werden von den sechs Puppenspielern des Theaters Waidspeicher gespielt.

In Purcells „The Fairy Queen“ bzw. in Shakespeares „Sommernachtstraum“ wird viel gefeiert: gleich drei Hochzeiten gibt es am Ende. Außerdem war das Theaterstück aus Anlass eines Jubiläums geschrieben worden. Was feiern wir 2019? Wir feiern die Autonomie des Individuums! Dass wir uns entscheiden dürfen und nicht mehr gezwungen werden. Vor allem aber feiern wir die Autonomie der Frau. Bei Shakespeare und auch bei Purcell muss sie für Witze und zur Belustigung herhalten. Sie wird gedemütigt, um sie unter dem Daumen zu halten. Ein mittelalterlicher Gedanke. Wir haben den Anspruch, Frauen anders anzuschauen, mit einem feministischen Blick. Titania ist rund und schön. Mit Witz und Leichtigkeit auf der Bühne wollen wir eine positive Körperlichkeit zeigen, egal wie die äußere Form ist. Sie soll nicht danach beurteilt werden, wie sie sich verhält, wie sie aussieht, welche Träume sie hat. Das ist doch wünschenswert, oder?

Bühnenprobe Fairy Queen ohne Kostüm und Maske
Titania-Puppe mit Tänzern und Puppenspielern

ENDE

Am 18. Mai ist Premiere. Karten gibts hier.

Kurzinfo zu Ulrike Quade: Die Regisseurin und Szenografin Ulrike Quade aus Amsterdam ist international renommiert für ihre Visuellen Theaterinszenierungen. Mit ihrer Company, deren künstlerische Leiterin sie ist, arbeitet sie weltweit mit Künstlern verschiedener Sparten und Darstellungsformen zusammen. In ihren Inszenierungen verbindet sie Schauspiel und Puppenspiel, Musik und Tanz und schafft dadurch vielschichtige Bildwelten. Ihre jüngsten Koproduktionen waren u. a. die Oper „Madama Butterfly“ in Zusammenarbeit mit dem Opernhaus De Munt/La Monnaine in Brüssel, (2017) „Coco Chanel“ mit der Jo Strømgren Kompani aus Norwegen (2017) und dem Puppentheater Halle (2019), “Mahler & Kokoschka” mit dem Bellevue Lunchtheater Amsterdam (2018). “Die Liebe der kleinen Mouche (Love of Seven Dolls)” in Koproduktion mit dem Theater Waidspeicher Erfurt (2017) war ihre erste Zusammenarbeit mit einem Puppentheater in Deutschland.

Regisseurin Ulrike Quade (lUlrike Quade Company)
Regisseurin Ulrike Quade (Ulrike Quade Company)

 

 

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Eingestellt von

Alexandra Kehr

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