Die göttliche Komödie – Ein Blick von der Seitenbühne

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Noch vier Minuten. Ich atme noch einmal tief durch und setze meine Maske ab. Ein nervöser Blick auf mein Textbuch auf dem Soufflierpult. Es ist Samstag der 8.5.21 und wir haben eine Premiere am Theater Erfurt. Die göttliche Komödie wird als Livestream in die Wohnzimmer des Publikums übertragen. Die Tänzer des Ensembles begeben sich auf ihre Positionen, Max Landgrebe nickt mir lächelnd zu. Das Licht geht aus. Aber jetzt mal ganz von Anfang an…

Ich bin Ky-Mani, 21 Jahre alt, und zur Zeit FSJler im Marketing des Theaters Erfurt. Ich begreife das FSJ hier als eine große Chance für mich, Erfahrungen am Theater zu sammeln. Ich war schon bei der Dichterliebe, bei Alcinas Insel und bei Die Rache der Fledermaus dabei. Diesmal werde ich jedoch soufflieren! Jetzt bin ich sehr aufgeregt, denn das ist eine wirklich große Verantwortung. Die Aufregung verfliegt jedoch, als ich Max Landgrebe vorgestellt werde. Er begrüßt mich sofort mit freundlichen Augen und einem coronakonformen Ellenbogencheck. „Hey super, dass du dabei bist!“ ruft er und ich fühle mich gleich als Teil des Teams, auch wenn ich meistens etwas abseits sitze, bedingt durch meine Tätigkeit.

Der Begriff Souffleur ist irreführend. Er leitet sich vom französischen „souffle“ ab, also flüstern. Tatsächlich muss man aber ziemlich laut sprechen, und gegen die über Lautsprecher eingespielte Musik muss ich sogar brüllen um überhaupt gehört zu werden. Doch am anstrengendsten ist für mich, die Konzentration aufrecht zu erhalten. Ein guter Souffleur ist wie das Fangnetz im Zirkus: die Show ist am besten, wenn es nicht zum Einsatz kommt, aber es ist beruhigend zu wissen, dass es bereit ist. Ich muss also ständig bereit sein, sofort zu reagieren, sobald ich einen Texthänger bemerke. Dieser kommt ja meistens unverhofft und dann muss es sehr sehr schnell gehen.

Einen Augenblick warte ich, ob er selbst darauf kommt, und falls nicht, rufe ich den korrekten Text rein. Damit es funktioniert, muss die Textstelle eindeutig erkennbar sein, also ein wichtiges Schlagwort enthalten. Das kann sich schon mal eine Zeile lang hin ziehen. Vor allem darf ich mich dabei nicht ablenken lassen, wenn der Schauspieler schon nachspricht. Aber trotzdem muss ich zuhören und darauf achten, in der richtigen Lautstärke zu sprechen. Am unangenehmsten ist es, wenn Max eine Textstelle durcheinander bringt und ich in Sekunden einen Ausweg aus seinem Satz finden muss, ohne dass sich Worte wiederholten oder wichtige Informationen fehlen.

Zum Glück hatte ich zwei Wochen Zeit, um während der Proben einige Tricks zu lernen und mich mit dem Text vertraut zu machen. Man sagt ja, „der Souffleur beherrscht den Text besser als die Schauspieler.“ Davon bin ich noch weit entfernt, aber es entwickelt sich eine ganz eigene Verbindung zum Text. Durch das fast pausenlose mitlesen sehe ich nur wenig vom Bühnengeschehen, dafür achte ich umso mehr auf die Sprache. Instinktiv spreche ich Passagen stumm mit, beherrsche auch die Betonungen und Kunstpausen. Nebenbei illustriere ich meine Textfassung mit meinem stumpfen Bleistift, um sie persönlicher zu machen und um noch schneller die nächste Szene zu erfassen.

Die Zeit bis zur Premiere vergeht rasend schnell. Ich verstehe mich inzwischen prima mit den Tänzern und vor allem natürlich mit Max. Ich hatte großen Spaß, unvergessliche Momente und habe viel gelernt. Und jetzt gehen die Scheinwerfer an. Volle Konzentration!

Ky-Mani Mähr | FSJ Kultur

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