Schräge Bühnen und Wahnvorstellungen

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Als Alban Bergs Wozzeck 1925 an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde, war das Publikum durchaus geteilter Meinung. Viele priesen das Werk als Meilenstein in der Musikgeschichte, sogar als eine der bedeutendsten Opern des 20. Jahrhunderts. Andere verteufelten es als vollkommen unmusikalisch.

Das Theater Erfurt zeigt jetzt eine Neuproduktion in der Regie von Enrico Lübbe ( siehe auch http://blog.theater-erfurt.de/wozzeck-regisseur-enrico-luebbe-gibt-theater-erfurt-debuet/). Die Bühne besteht aus geneigten Räumen, in denen die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung fließend sind. Konzipiert von Eteinne Pluss, wird das Bühnenbild für einige Überraschungen sorgen, zaubert es doch aus jeder möglichen Ecke ein weiteres drehbares Element hervor. So wird mehrfach die Frage gestellt werden, ob der Soldat Wozzeck nun Halluzinationen hat oder nicht.

Nach dem Weihnachtsmärchen Das Feuerzeug ist Wozzeck für mich die zweite Produktion, die ich als FSJler begleiten darf. Während der Proben sitze ich also neben dem Regieassistenten Markus Weckesser und damit direkt an einer Quelle neuer Eindrücke und bin hautnah dran an den Darstellern. Zwei Mal am Tag trifft sich das Ensemble, insgesamt sind sechs Wochen Probenzeit eingeplant.

https://www.youtube.com/watch?v=IWwxBSDPy30

Máté Sólyom-Nagy singt den von der Gesellschaft ausgestoßenen Soldaten Wozzeck. Er sieht die Rolle als große emotionale und musikalische Herausforderung. Grund genug, ihn dazu ein wenig näher zu befragen:

Máté, wie hast Du Dich auf eine Rolle mit einer solchen Komplexität vorbereitet?

Also ich mache jetzt keine Übungen Zuhause, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich das nicht brauche. Das Stück ist so gut komponiert, Text und Musik liegen so nah beieinander. Ich habe erst einmal den Büchner gelesen und dann ging’s los: Man liest es, man liest es und man versteht es nicht. Dann blättert man an den Anfang zurück und schaut nach, wann das Buch geschrieben wurde und man will es nicht glauben: 1837. Es ist unbegreiflich, dass in der Hochzeit der Romantik etwas so Klares und Hartes geboren wurde!

Für mich persönlich ist dieses Stück von Büchner ein Phänomen. Als käme er von einem anderen Planeten, weilte kurz auf dieser Welt, wurde nur 23 Jahre alt und hat uns dieses Stück hinterlassen. Es zeigt in eine besondere Richtung, ist etwas ganz Modernes und für mich Einmaliges. Dann hast du dich da durchgekämpft und weißt, das wird nicht einfach. Es ist total schwierig, mit so wenigen Anhaltspunkten eine Figur aufzubauen.
Eigentlich interessiert die historische Figur des Johann Christian Woyzeck mich am wenigsten. Denn das war nur irgendein Mensch, dem eine Tragödie passiert ist und dafür gibt es nur sein Psychologisches Gutachten als Quelle. Letztendlich machen wir hier eine Oper. Es gibt ja schon Unterschiede und Verkürzungen zum Schauspiel Woyzeck von Büchner. Daher war für mich der Büchner wichtig, um die Grundlage für Bergs Arbeit kennenzulernen. Dann lege ich die Literatur relativ bald weg, weil meine Arbeitsgrundlage der praktische Klavierauszug ist. Die ganzen Gefühlsausbrüche in der Musik und im Text sind total organisch und menschlich.

Welche musikalischen Besonderheiten sind Dir bereits begegnet?
Meine Stimmbänder und meine Kehle erzeugen automatisch die richtigen Töne. Aber man muss es auch strukturell angehen. Es ist schwierig die Sache musikalisch in den Körper zu kriegen, da es auf dem Klavier ein anderes Stück ist, als mit dem Orchester. Es ist teilweise so geschrieben, dass es praktisch unmöglich ist, perfekt zu singen. Wir hatten unzählige Korrepetitionen, trotzdem gehe ich dann zum ersten Mal auf die Probebühne und vergesse Stellen, die ich vorher schon fehlerfrei gesungen habe. Doch nun bin ich mit einer Szene konfrontiert und bekomme Probleme. Daher ist es wichtig, einen Korrepetitor dabeizuhaben, der immer mit der Partitur arbeitet. Auf diese Weise bekommt man die Musik, den Rhythmus und die Harmonien in die Knochen.

Hattest Du auch manchmal keine Lust mehr auf das Stück?
Klar. Das sieht man am Klavierauszug: Die Seitenränder sind genau da eingebrochen, wo ich die Noten in die Ecke gepfeffert habe (lacht). Ich habe ja im April 2016 angefangen Wozzeck zu lernen. Aber Enrico macht eine wahnsinnig gute Arbeit und gestaltet die Proben sehr behutsam.

Premiere ist am 25. Februar 2017.

Fotos: Lutz Edelhoff

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Eingestellt von

Christopher Schoenemann

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