Schlafende Kekse

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Hänsel und Gretel

In der Oper Hänsel und Gretel lockt die hinterhältige Knusperhexe tief im Wald mit ihrem aus verführerischen Lebkuchen gebauten Hexenhaus Kinder an. Diese werden im großen Ofen der Hexe zu Lebkuchen gebacken und viele von ihnen auch gleich verspeist. Die anderen Lebkuchen verharren erstarrt und mit geschlossenen Augen als Zaun vor dem Haus.

Anna Schreiber | FSJ Kultur
Fotos: Lutz Edelhoff

Als Lebkuchenkinder beobachten wir von beiden Seiten der Bühne, wie die Hexe von Hänsel und Gretel in den Ofen gestoßen und dort eingesperrt wird. Eine weiße Linie auf dem Boden zeigt uns dabei an, wie weit wir auf die Bühne treten dürfen, ohne gesehen zu werden. Nachdem der Ofen mit einem lauten Knall explodiert ist, ziehen die Techniker mit langen Stäben den “Lebkuchen-Zaun” zurück, sodass wir an ihrer Stelle als erlöste Lebkuchenkinder auftreten können. Langsam gehen wir an unsere Plätze, die Augen gerade so weit geöffnet, dass wir unseren Weg sehen können. Der Spielleiter Herr Weckesser nennt uns deswegen “schlafende Kekse”. Durch den Spalt unserer Augen können wir gerade noch den Dirigenten erkennen, müssen uns aber trotzdem zu einem großen Teil auf unser Gehör verlassen, um die richtigen Einsätze zu finden, besonders, wenn wir weit hinten stehen oder Gretel uns kurz die Sicht versperrt. Wenn wir singen: “Oh, rühre mich an, dass ich erwachen kann”, beginnen Hänsel und Gretel unsere Gesichter zu streicheln. Sie laufen zwischen uns hindurch und wenn wir eine Berührung spüren, öffnen wir die Augen. An der Temperatur der Hände können wir inzwischen sogar unterscheiden, ob es Hänsel oder Gretel gewesen ist.

Durch Hänsels Zauberspruch “Hokuspokus, Holderbusch! Schwinde Glieder Starre, husch!” können wir uns nun plötzlich wieder bewegen. Vor Freude tanzend, bilden wir fünf Kreise, eine komplizierte Choreografie, die wir vor jeder Vorstellung üben müssen. Während wir uns dann auf beiden Seiten der Bühne vor dem Hexenhaus hinuntersetzen, holen vier Lebkuchenkinder zwei Körbe mit runden, mit Schokolade oder Glasur überzogenen Lebkuchen aus dem Haus. Hänsel und Gretel verteilen diese Lebkuchen dann an uns. Wenn wir einen Lebkuchen bekommen haben, müssen wir entscheiden, was wir nun damit anfangen, denn wir dürfen auf der Bühne nicht essen. Wir legen sie irgendwo ab, z.B. auf einem Baumstumpf oder behalten sie einfach in der Hand. Einige wenige von uns haben das Glück, Taschen zu besitzen, in denen sie ihre Lebkuchen verstauen können.

Wenn die Eltern von Hänsel und Gretel zwischen den Bäumen auftauchen und von ihren Kindern begrüßt werden, müssen die Körbe schnell zur Seite geräumt werden und wir müssen darauf achten, dass keine Lebkuchen mehr auf der Bühne herumliegen. Unterdessen ziehen zwei Lebkuchenkinder die selbst zum Kuchen gewordene Hexe aus dem zerstörten Ofen.

Nachdem sich der Vorhang geschlossen hat, müssen wir uns augenblicklich in drei ordentliche Reihen für die Applausordnung sortieren. Wenn wir danach die Bühne verlassen, können diejenigen, die bisher keinen Lebkuchen abbekommen haben, versuchen, in den Körben noch etwas zu finden. Erst auf dem Garderobenflur dürfen wir die Lebkuchen dann schließlich essen.

Es sind zwar essbare Lebkuchen, aber keine “echten” Nürnberger, denn diese enthalten kein Mehl, wie Frau Fischer uns erklärt hat. Sie kommt nämlich aus Nürnberg und legt Wert darauf.

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Anna Schreiber

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