Plötzlich waren wir 2D

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Video-Aufzeichnungen gehören zum Theateralltag dazu. Bisher waren es vor allem Bühnenmitschnitte von Proben oder Aufführungen sowie kurze Trailer für das Online-Angebot. Seit Mitte März dieses Jahres bilden Internet-Videos für die Bühnen weltweit ganz neue Herausforderungen – aber auch Chancen.

Als Videodesigner des Hauses hat Marc Löhrer zurzeit viel zu tun.

Ein hausinterner Bühnenmitschnitt wird in der Regel von einer einzigen fest installierten Kamera aufgenommen und dient der Dokumentation einer Inszenierung. Mit seiner Hilfe können einspringende Sängerinnen und Sänger nachträglich eine Rolle einstudieren. Er ist die nüchterne Bestandsaufnahme der Arbeit des Regieteams sowie der Darsteller und Darstellerinnen und des Orchesters. Die gestalterischen Möglichkeiten der Kamera werden so gut wie nicht genutzt, Ziel der Aufnahme ist es schließlich nicht, Kunstgenuss zu ermöglichen. Sie ist nur ein Hilfsmittel.

Anders bei den Trailern, die seit Verbreitung des Internets von Theatern eingestellt werden: Hier kommen verschiedene Kameraperspektiven zum Einsatz, Schnitte und Effekte tragen einen wesentlichen Teil zum Gesamteindruck bei. Der Zweck dieser Clips ist die Werbung für eine neue Produktion. Sie sollen neugierig machen, aber sie sind kein eigenständiges Kunstwerk.

Video-Kunst fand bisher an Theatern nur auf der Bühne statt – als künstlerisches Mittel, als Teil der Handlung oder des Bühnenbildes.

Das hat sich seit der Schließung der Kulturinstitutionen nach dem Ausbruch der Sars-Cov-2-Pandemie geändert:

Denn das, was Bühnenkunst ausmacht, was sie von allen Formen der Video-Vermittlung unterscheidet – die räumliche und zeitliche Gegenwart von Aufführung und Publikum – war plötzlich nicht mehr möglich.

Schnell identifizierten die Theater überall auf der Welt das Internet als geeignetes Mittel, um das Publikum trotz Beschränkungen zu erreichen, so auch in Erfurt. Doch damit betraten wir Neuland. Denn wer will schon Mitschnitte alter Produktionen sehen, die aus der Entfernung gefilmt sind und die immer gleiche Totale liefern, aus der man nicht mal die Gesichter der Darstellerinnen und Darsteller erkennen kann? Richtig, niemand. Auch gab es keine neuen Produktionen, von denen wir Trailer hätten anfertigen können. Denn Proben waren ja lange auch nicht möglich – und sind es bis heute nur unter strengen Voraussetzungen.

Bei einer Produktion der „Perser“ von Aischylos spricht Katja Bildt die Königin Atossa. Hanna Lohr (FSJ Marketing) und Janik Müller (FSJ Ausstattung) bedienen die Kameras.

Und so begann die kreative Suche nach neuen Formen des Online-Theaters. Zuerst hielten wir uns an Bekanntes wie Ankündigungen zur neuen Spielzeit oder Theaterführungen, die wir mit den Mitteln des Films informativ, aber auch unterhaltsam zu gestalten versuchten. Online-Konzerte entstanden auf Initiative der Musikerinnen und Musiker des Orchesters. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verließen ihre Komfort-Zone und probierten sich aus. Instrumentalisten tanzten zur eigenen Musik, FSJler betätigten sich als Kameraleute, ein Kapellmeister und ein stellvertretender Intendant stellten ihr Talent als Sprecher unter Beweis. Ungewöhnliche Drehorte für Konzerte wurden gesucht und gefunden: Eine Schwimmhalle für Händels Wassermusik, der Nordstrand für ein Pool-Konzert. Inzwischen haben einige Sängerinnen und Sänger selbst szenische Werke rein für die Kamera einstudiert.

Als treues Theaterpublikum haben sie sicher bereits die Fülle und Qualität unseres Online-Angebots bemerkt. Freuen Sie sich auf weitere hochwertige Produktionen, die gerade in Vorbereitung sind. Wir sind froh – und ein kleines bisschen stolz – auf diese Weise auch in schwierigen Zeiten für Sie da sein zu können.

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Eingestellt von

Stephan Drehmann

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