Strawinsky im Jugendkonzert: Wenn Puppen zum Leben erwachen.

0 KommentareVeröffentlicht am Categories auf der Bühne, Hinter den Kulissen

Im Jugendkonzert am 15.11.19 entführt Strawinskys Petruschka in die klang- und farbenreiche Welt eines russischen Jahrmarkts. Die jungen Zuschauer erwartet dabei nicht nur imposante Orchestermusik, sondern auch bunte Live-Animationen.

Norina Bitta

Lebhaftes Treiben auf einem russischen Jahrmarkt im St. Petersburg des frühen 19. Jahrhunderts: Ein Gewirr aus Buden, Karussells und Attraktionen, Kinder stehen mit großen Augen vor den Süßigkeitenständen, ein Leierkastenmann erspielt sich ein paar Rubel, es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Plötzlich erscheint ein finster dreinblickender Zeitgenosse in weiten, wallenden Gewändern, einem langen weißen Spitzbart und einem kleinen Puppentheater, das er auf einem Wagen hinter sich herzieht – der Magier! Er zeigt der gespannten Menschenmenge, was sich in seinem Miniaturen-Theater verbirgt: Drei kunstvoll gearbeitete Puppen kommen zum Vorschein, eine Ballerina, ein trauriger Clown mit Namen Petruschka und ein Soldat aus dem Orient. Der Magier zückt seinen Zauberstab und mit drei Schlägen erweckt er die Puppen zum Leben – und das Unheil nimmt seinen Lauf…

Und schon stecken wir mitten in der Geschichte von „Petruschka“, ein Ballett nach der Musik von Igor Strawinsky. Der Komponist erschafft eine klangliche Rummel-Atmosphäre, indem er typische Jahrmarkts-Klänge und die Figuren in Musik übersetzt und in scheinbar zufälliger Weise miteinander verknüpft. Der Zuhörer wähnt sich inmitten des Geschehens: Klangfetzen wehen vorüber, die simpel-fröhliche Melodie des Leierkastenmanns erklingt, plötzlich unterbrochen von einem Marktschreier, der seine Ware anpreist, wiederum unterbrochen von zwei Trommlern, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. In schneller Abfolge wechseln sich Melodien, Effekte und eingewebte Volksliedmelodien ab und verschmelzen zu einer schillernden Klang-Collage.

Petruschka, der traurige, zum Leben erweckte Clown, liebt die Ballerina und ist unglücklich über seine eigene Hässlichkeit und etwas ungelenke Art. Strawinsky hat für ihn eine bestimmte Klangverbindung erdacht, so markant, dass sie heute als „Petruschka-Akkord“ bekannt ist. Der klingt ziemlich schräg und verzweifelt und taucht immer dann auf, wenn Petruschka in Aktion tritt. Je nach Situation klingt er dann eher betrübt, ziemlich wütend oder hämisch.

Die Ballerina steht zwischen Petruschka und dem Soldaten.

Die Ballerina, Petruschkas Angebetete, ist im Gegensatz zu Petruschka eher einfach gestrickt. Beeindruckt vom stattlichen Soldaten verschmäht sie Petruschka und präsentiert sich trompetespielend und tanzend vor ihrem Auserwählten. Ihre Musik klingt ziemlich mechanisch und erinnert an eine Spieluhr. Der Soldat, gewaltbereit und arrogant, wird musikalisch durch tiefe, düstere Klänge und stumpfe, gleichförmige Rhythmik charakterisiert, exotisch anmutende Melodik, Harmonik und Instrumentalfarben deuten auf seine Herkunft hin.

Im 1911 uraufgeführten Ballett übernehmen Tänzer die Rollen der drei Puppen, des Magiers und den anderen Figuren, die den Jahrmarkt bevölkern. Zwar ist die Musik so lautmalerisch und bildhaft, dass sie auch als Orchester-Suite, also ohne Tänzer und Szene, hervorragend funktioniert und in vielen Konzerthäusern als rein sinfonisches Werk aufgeführt wird – eine visuelle Unterstützung kann aber dabei helfen, die Ohren in die richtige Richtung zu spitzen und die Geschichte auch ohne tänzerische Umsetzung zu verstehen.

Im Jugendkonzert am 15. November werden dann auch keine Tänzer über die Bühne schweben, sondern Illustrationen von Hanna Bauer als Projektion hinter dem Philharmonischen Orchester erscheinen. Marc Löhrer, Videodesigner am Theater Erfurt, hat die Figuren und Schauplätze nicht durch Magie, sondern durch eine Software zum Leben erweckt, sodass die Zuschauer Petruschka & Co. sowohl hören als auch sehen können. Damit das überhaupt funktioniert, hat die Illustratorin die Figuren in Einzelteile zerlegt gezeichnet, was eine Beweglichkeit in allen Gliedern ermöglicht.

Die Dreiecks-Geschichte der drei Puppen nimmt übrigens kein Happy End: In seiner Verzweiflung fordert Petruschka den Soldaten zum Kampf heraus, da er die beginnende Liebelei zwischen diesem und der Ballerina nicht erträgt. Der Soldat triumphiert jedoch und erschlägt Petruschka vor den Augen der entsetzten Menge mitten auf dem Jahrmarkt. Petruschka kehrt als Geist zurück und verfolgt fortan den Magier, Strippenzieher der tragischen Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Eingestellt von

Norina Bitta

Erfahren Sie hier mehr