Oper ohne

0 KommentareVeröffentlicht am Categories auf der Bühne, Im Scheinwerferlicht

Konzertante Aufführungen sind weit verbreitet, die Ansichten darüber, ob diese Präsentationform angemessen ist, gehen allerdings weit auseinander. Die heutige Praxis konzertanter Opernaufführungen ist offenbar eine Begleiterscheinung der Tonträgerproduktion. Ob es nun zuerst Herbert von Karajan oder einer seiner Zeitgenossen war, jedenfalls kam man in den 1970er Jahren auf den Gedanken, dass es doch naheliegend wäre, wenn sich schon eine erstklassige Sängerbesetzung zu einer Schallplattenproduktion – etwa in der Berliner Philharmonie – zusammenfindet, mit diesen Mitwirkenden dann auch ein öffentliches Konzert anzubieten. Im Gegensatz zu Livemitschnitten von Opernvorstellungen warben und werben Studioproduktionen mit dem Argument einer Perfektionierung der musikalischen Leistung durch die Konzentration aufs Akustische. Ideal vor dem Mikrophon positioniert, immer den Dirigenten im Blick und frei von irgendwelchen Gedanken an Bewegung und Aktion, scheinen die Sängerinnen und Sänger ideale Voraussetzungen für ein optimale Aufnahme zu haben. Warum das dann nicht auch dem Publikum live präsentieren? Unabhängig davon ist es unter Umständen auch für den Besucher als Zuschauer interessant, das Orchester zu sehen, die Instrumente zu erkennen, Effekte der Instrumentation vor Augen geführt zu bekommen. Zudem kann auch der gesungene Text eine höhere Aufmerksamkeit fordern und bekommen, erst recht, wenn Übertitel das Verständnis erleichtern helfen. Man muss sich nicht mehr von Moment zu Moment entscheiden, ob man mitlesen oder auf die Bühne schauen will.

Doch man darf sich nichts vormachen: Eine konzertante Opernaufführung ist ein Paradoxon und widerspricht der Bestimmung einer Opernpartitur als Anweisung zur Darbietung eines Werks des musikalischen Theaters, in dem der Sänger eine Figur darstellt, und eben nicht sich selbst – und zu dem Bühnenbild und Kostüme wesentlich hinzugehören. Der renommierte Opernforscher Anselm Gerhard weist in der Opernwelt vom Sept./Okt. 2015 auf Richard Wagners strikte Ablehnung dieser Praxis hin, der von einer „entstellenden Travestie“ sprach. Gerhard vergleicht weiter die konzertante Oper ganz drastisch mit einem Tonfilm, der ohne Leinwand, d.h. ohne Bild vorgeführt wird.

Von den wenigen Starproduktionen der Plattenindustrie abgesehen, gibt es Opernkonzerte inzwischen auch als Repertoireergänzung an mittleren und kleinen Theatern. Geringere Kosten und kürzere Probenzeit sind hier oft die Argumente für die Ansetzung. Fatal wäre allerdings, wenn es das Hauptanliegen wäre, Teilen des Publikums entgegenzukommen, die sich an jeder Form von Interpretation und szenischer Vergegenwärtigung – bzw. an so genannten „modernen Inszenierungen“ – reiben.

Aus meiner Sicht haben konzertante Aufführungen vor allem dann eine Berechtigung, wenn sie sich auf besonders geeignete Werke beschränken, die etwa durch eine kurze Spieldauer oder eine Reduktion von Schauplätzen auffallen, oder aber, wenn das Ziel lautet, die Bühnenwirksamkeit und -tauglichkeit eines unbekannten Werkes zu überprüfen. Von daher wünsche ich mir, eines Tages einmal eine szenische Aufführung von Alfred Bruneaus Messidor zu erleben, eine Oper die 2005 hier zu hören war. Auch Peter Tschaikowskys Iolanta bietet unter der märchenhaft folkloristischen Oberfläche viele Ansatzpunkte für eine packende Inszenierung. Zunächst sollte man nicht versäumen, diese Oper zu hören und sich sein ganz eigenes Bild davon zu machen.

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Eingestellt von

Arne Langer

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