„Covid 19 ist Nachtblau“

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Ein Gespräch mit Malsaal-Chefin Claudia Fischer

Trotz Pandemie ruht der Betrieb in unseren Theaterwerkstätten nicht, werden geplante Produktionen vorbereitet. Erst vor wenigen Tagen wurden Bühnenbild und Kostümvorlagen für die diesjährigen DomStufen-Festspiele zur Anfertigung an die einzelnen Abteilungen übergeben, fiel der offizielle Startschuss für die Festspiele. Zudem bauen die Mitarbeiter/innen für die Bundesgartenschau den großen Erfurt-Schriftzug für den Petersberg. Darüber haben wir auf unseren Kanälen in den sozialen Netzwerken berichtet und haben sich auch die Medien dafür interessiert. Nachdem an dieser Stelle bereits unsere Dramaturgen aus ihrem Lockdown-Alltag bereichtet haben, habe ich nun mit Malsaal-Chefin Claudia Fischer zur ihrer Arbeit unter Pandemiebedingungen gesprochen.

Du bist fast jeden Tag in der Werkstatt, wie sieht dein Tag aus?

Im ersten Lockdown ruhte die Arbeit in den Werkstätten sieben Wochen komplett. Im Malsaal sind wir seitdem durchgängig mit Dekorationsgestaltung beschäftigt. Platzbedingt ist Homeoffice als Theatermaler oder Plastiker nicht möglich, deshalb hat sich unser Berufsalltag kaum verändert. Natürlich achten wir auf die Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen, sind jedoch in der glücklichen Lage, aufgrund der Malsaalgröße, während der Arbeit nicht dauerhaft Masken tragen zu müssen. Abstand halten ist bei uns meistens kein Problem. Wir teilen die anstehenden Aufgaben unter den Kollegen so auf, dass jeder eigenständig an einem Projekt arbeiten kann. Den 70 m² großen Prospekt für das Märchen „Der goldene Brunnen“ konnten wir unter Einhaltung der Abstandsregeln auch zu zweit malen.

Malsaal
Bei der Arbeit für „Der goldene Brunnen“ können die Abstandsregeln optimal eingehalten werden. Claudia Fischer (vorn) mit Anka Hilbert.

Du bist als Malsaal-Chefin die „Königin der Farben“ hier im Theater, welche Farbe hat die Pandemie für dich und warum?

„Königin der Farben“ ist sehr blumig ausgedrückt… Die Realität sieht leider so aus, dass ich bei der farbigen Gestaltung der Bühnendekoration vollkommen von der Phantasie des Bühnenbildners abhängig bin. Wird Schwarz gewünscht, muss ich das akzeptieren und die bunte Farbkammer geschlossen lassen. Bei Gesprächen zum Thema Corona drängen sich die Farben Schwarz und Rot gedanklich schnell in den Vordergrund. Bisher blieben Familie und Freunde von schweren Krankheitsverläufen verschont, auch muss ich nicht wie freischaffende Künstler um Existenzgrundlagen kämpfen. Einschränkung der sozialen Kontakte, Reiseverbot, Stillstand des kulturellen Lebens – diese Aspekte charakterisieren für mich persönlich die Pandemie. Mein Leben ist langsamer und leiser. Ich öffne für Covid 19 den Farbeimer mit Nachtblau.

Tobias Berg, Anka Hilbert, Claudia Fischer, Corinna Horvath mit der Perlenkette für „Der goldene Brunnen“

Wie wirkt sich die spielfreie Zeit auf deine Kreativität und Gestaltung der Werke aus?

Es ist ein seltsamer Zustand ohne Spielbetrieb im Theater. Im normalen Arbeitsalltag bauen wir eine Dekoration, zur technischen Einrichtung steht sie zum ersten Mal komplett auf der Bühne, zur Premiere muss alles perfekt sein. Leider gab es lange keine Premieren bei denen wir das Endergebnis erleben konnten. Aufwendig gefertigte Ausstattungen wie z. B. für „La Traviata“ werden eingelagert bis wieder Opern mit großem Orchester und Chor aufgeführt werden dürfen. Diese Ungewissheit schlägt auf das Gemüt. Da bedarf es gegenseitiger Motivation, sich mit Elan in ein neues Projekt zu stürzen, nicht wissend, ob es die geplante Premiere geben wird.

An was arbeitest du aktuell mit deinen Kolleg/innen?

Unser Produktionsschwerpunkt in Malsaal und Plastikabteilung liegt derzeit auf dem Märchen „Der goldene Brunnen“. Ein Stück für die ganze Familie mit phantasievollem Bühnenbild. Wir malen Felswände und einen „bestickten“ Rückhänger. Es gibt geflochtene, bunt eingefärbte Seile und 8 m lange Perlenketten im Schnürboden. Auch in Schneiderei und Maske ist die Herstellung der märchenhaften Kostüme in vollem Gange.

Tobias Berg, Anka Hilbert, Claudia Fischer, Corinna Horvath mit der Perlenkette für „Der goldene Brunnen“

Vor einigen Tagen war Werkstattübergabe für die diesjährigen DomStufen-Festspiele. Was kommt da auf euch zu?

Auf dem Abendspielplan steht „Die Jungfrau von Orleans“, für die Kinder soll eine Geschichte um Jim Kopf endlich zur Premiere gebracht werden. Die Dekoration für das Kinderstück begleitet uns ungewöhnlicher Weise seit fast einem Jahr. Ursprünglich für die Domstufen-Festspiele 2020 geplant, liegen die malerischen Vorlagen mit entsprechenden Maßangaben vor. Wir setzen sie seit September Stück für Stück um, wenn sich pandemiebedingt Premieren verschieben und neue Spielpläne erstellt werden müssen. Der Entwurf für das Bühnenbild von „Die Jungfrau von Orleans“ fügt sich in Materialität und Farbigkeit in die Architektur der Domstufen ein. Die Anforderung an uns ist, einen natürlich fließenden Übergang zwischen den vorhandenen Gegebenheiten und der gebauten Dekoration herzustellen.

Tobias Berg bearbeitet ein Kulissenteil für „Der Goldene Brunnen“

Gibt es etwas in eurem Berufsalltag, was derzeit nicht stattfinden kann oder anders stattfinden muss aufgrund der Pandemie?

Die persönlichen Kontakte und gemeinsamen Pausen mit Kollegen anderer Abteilungen finden durch Kurzarbeit und Kontaktbeschränkungen nicht mehr statt. Wir vermissen unsere Theater-Kantine!

Gibt es bei all den Einschränkungen Positives, das Du der aktuellen Situation abgewinnen kannst?

Jain. Natürlich ergeben sich durch die Einschränkungen freie Zeiträume für Aktivitäten, mit
denen ich mich sonst nicht intensiv beschäftigen konnte. Dafür muss ich auf Dinge verzichten, die ich gern tun würde.

Auf was freust du dich am meisten, wenn der Kulturbetrieb wieder starten kann?

Theater, Konzerte, Ausstellungen – live ist live! Trotz der neuen Möglichkeiten die Online-Formate bieten, ich vermisse die Atmosphäre vor Ort. Einen für letztes Jahr geplanten Besuch des Heinrich-Vogeler-Museums in Worpswede, möchte ich so bald wie möglich nachholen.

Fragen & Fotos: Alexandra Kehr

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