Minimal Music, Videokunst und technische Katastrophen des 20. Jahrhunderts

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Three Tales am Theater Erfurt

Unser Ensemble steckt mitten in den Proben zu einer ganz besonderen Produktion: Am 31. Januar zeigen wir erstmals eine Video-Oper. Aus live aufgeführter Minimal Music von Steve Reich und der Videokunst von Beryl Korot entsteht darin eine intermediale Performance mit Sogwirkung. In einer Art dokumentarischem Musiktheater werden in drei Teilen bedenkliche Implikationen und Konsequenzen technischer Entwicklungen im 20./21. Jahrhundert thematisiert: Angefangen von einer Katastrophe zu Beginn der Luftfahrt über vernichtende Atombombentests bis hin zu der gegenwärtigen ethischen Diskussion um die Weiterentwicklung der Menschheit regt das Werk zum Nachdenken über Fortschritt, Glaube und Manipulation durch Medien an.

An erster Stelle steht die Explosion des Zeppelins „Hindenburg“ im Jahr 1937. Auch dank der umfassenden Live-Medienberichterstattung brannte sich dieses Ereignis als eine der großen Technik-Katastrophen des 20. Jahrhunderts ins kollektive Gedächtnis ein und versetzte dem optimistischen Fortschrittsglauben der Zeit einen heftigen Dämpfer. Im zweiten Teil geht es um die Zwangsumsiedlung der Bewohner des südpazifischen Bikini-Atolls zugunsten der dort durchgeführten Atombombentests der US-Amerikaner in den Jahren 1946–52, die den para­diesischen Lebensraum der Bikinianer für immer unbewohnbar machten und bewiesen, dass der Mensch nun in der Lage war, die Erde vollkommen zu zerstören. Zu guter Letzt werden anhand des 1996 geklonten Schafs Dolly, der Entwicklung von Cyborgs und künstlicher Intelligenzen die Bestrebungen thematisiert, mit Hilfe von Gentechnik und Robotik die natürliche Evolution so­wie die Sterblichkeit des Menschen zu überwinden. Die sich daran anschließenden ethischen Debatten gewinnen angesichts aktueller Entwicklungen immer mehr an Brisanz.

In einem Gespräch mit David Allenby sprachen der Komponist Steve Reich, ein Pionier der Minimal Music, und die Videokünstlerin Beryl Korot kurz vor der Uraufführung (2002) über ihr Werk:

Wie entstand die Idee zu Three Tales?

THREE TALES Hindenburg
THREE TALES Hindenburg: Standbild aus dem Video von Korot

STEVE REICH: Nach der Premiere von The Cave im Jahr 1993 fragte mich der Hauptauftraggeber des Stücks, Dr. Klaus-Peter Kehr von den Wiener Festwochen, ob wir je daran gedacht hätten, ein Stück über das 20. Jahrhundert zu machen. Für uns kristallisierte sich sehr bald heraus, dass das 20. Jahrhundert wohl mehr von Technologie bestimmt war, als von jedem anderen menschlichen Bestreben. Daraus ergab sich freilich noch kein Stück für das Musiktheater. Wir brauchten eine Reihe von Ereignissen, einige Meilensteine des frühen, mittleren und späten Jahrhunderts, die ein Sinnbild der Zeit und ihrer Technologie darstellten.
Die Explosion und der Absturz des Zeppelins „Hindenburg“ in New Jersey 1937 markierten das Ende einer gescheiterten technischen Entwicklung. Außerdem war es die erste größere Katastrophe, die man auf Film festgehalten hatte. Das Bild von diesem gigantischen, wasserstoffgefüllten Zeppelin, der kurz vor dem zweiten Weltkrieg mit großen Hakenkreuzen an seinen Heckflügeln über Manhattan fliegt und in New Jersey in Flammen aufgeht, war unvergesslich. Der Mann, der dem Luftschiff seinen Namen gab, war ein deutscher Held des Ersten Weltkrieges, der Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt hatte.

THREE TALES Bikini
THREE TALES Bikini: Standbild aus dem Video von Beryl Korot

Hinter der Atombombe stand eine für das 20. Jahrhundert in verschiedenster Hinsicht symbolische Technologie. Zum ersten Mal hatte der Mensch damit eine Technologie entwickelt, mit der er den Planeten zerstören konnte. Wir entschieden uns daher für die Atombombenversuche auf dem Bikiniatoll zwischen 1946 und 1952. Diese Versuche markierten das Ende des Zweiten Weltkrieges und den Beginn des Kalten Krieges. Hier trafen die höchstentwickelte und komplizierteste Spitzentechnologie und ein Stück des im Vergleich zur übrigen Welt so gut wie kaum technisierten Lebens zusammen: das der Bewohner der Marshallinseln im Pazifik.
1997 wurde dann das Schaf Dolly geklont, und wir sahen einander an und wussten, dass das war, was wir gesucht hatten. Es ist eine völlig andere Technologie, die aus der Medizin und Biologie entstanden ist und die darauf verweist, wie sich das Leben im Lauf des 21. Jahrhunderts entwickeln könnte.

BERYL KOROT: Im Unterschied zu den ersten beiden Akten wendet Dolly den Blick nach innen, zu uns selbst, und beschäftigt sich mit dem Einfluss der Technologie auf unsere eigene Physis. Dolly steht für die gesamte Bandbreite mit technischen Entwicklungen verbundener Fragen der Einflussnahme auf unseren Körper – nicht nur durch die Manipulation seines grundlegenden Bauplans [der DNA], sondern auch durch das einbauen von Technologien in unsere Körper.

Welche Auswirkungen hatten Ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Technik auf Ihre schöpferische Arbeit?
BK: Schon in den frühen siebziger Jahren, als ich im Mehrkanalbereich zu arbeiten begann, beschäftigte ich mich mit alten Handwebstuhltechniken, um daraus zu lernen, wie man Mehrkanalprogrammierungen im Video-Bereich vornimmt. Schließlich war der Webstuhl ja gewissermaßen das älteste Mittel der Programmierung und brachte mich auf viele Gedanken bezüglich der Programmierung von Vielfach-Bildern. Mich hat die Spannung zwischen der Arbeit mit einer modernen Technik und dem Nachdenken über ältere Geräte, die ihr vorausgingen, immer fasziniert. Das zweischneidige Schwert der Zugewinne und Verluste durch neue Technologien, die wir in unser Leben integrieren, ist sozusagen einer der Subtexte von Three Tales.

SR: Als ich in den sechziger Jahren mit Tonbändern zu arbeiten begann, konnte ich mir nichts Interessanteres vorstellen, als zwei gleiche Tonbandschleifen phasenversetzt abzuspielen und den Abstand immer weiter zu verändern. Dann erkannte ich, dass ich diese graduelle Phasenverschiebung auch selbst zusammen mit einem anderen Musiker an zwei Klavieren herstellen konnte, woraus Piano Phase entstand. Das Phasing ist eigentlich nur eine Variation der Kanontechnik, bei welcher der rhythmische Abstand zwischen zwei oder mehr Stimmen veränderlich ist. Die Elektronik regte zwar etwas in mir an, es war aber die Verbindung zur lebendigen Musiktradition, die diese Eingebung fruchtbar und wertvoll werden ließ. Im Augenblick begeistert es mich, für eine Video-Oper mit Digitalsamplern von Wort- und Klang-Playbackaufnahmen Musik zu machen. Gleichzeitig habe ich nicht das geringste Interesse daran, Synthesizer als Ersatz für traditionelle Instrumente zu verwenden.

Sehen Sie einen Widerspruch darin, sich hoch entwickelter Audio- und Videotechniken zu bedienen, um die Rolle der Technik zu hinterfragen? Rät uns Three Tales nicht, der Technik den Rücken zu kehren?
SR: Nein, beides nicht. Als Technologie-Kritische nutzen und Beryl und ich gerne die notwen­digen Technologien für unsere Arbeit. Computer, Video-Aufnahmen, Sampler und so weiter sind alle Teil unserer Kultur. Sie werden genutzt um unsere Folk music zu machen – Rock ‘n‘ roll. Es wäre selt­sam, wenn Künstler diese Techniken nicht fürs Musiktheater verwenden würden.

THREE TALES Dolly
THREE TALES Dolly: Standbild aus dem Video von B. Korot

BK: Wenn bestimmte Instrumente dermaßen schnell entstehen und weiterentwickelt werden, dabei derart zugänglich sind, bewirken die materiellen und sozialen Auswirkungen umwälzende Verän­derungen unseres Lebens, auf die wir nur wenig Einfluss haben. Gehört das zur Evolution des Men­schen? Haben wir die Kontrolle? Können wir das überhaupt? Hatten wir sie jemals?

SR: Mit dem Beginn der Neukonstruktion der Gattung Mensch haben wir eine noch nie über­schrittene Grenze hinter uns gelassen und stehen jetzt völlig unbekannten Möglichkeiten und Gefahren gegenüber. Damit und mit unserem religiösen Hintergrund setzt sich Dolly [der letzte Teil von Three Tales] auseinander.

Was für Wechselwirkungen ergeben sich in Three Tales aus der Kombination von Videokunst mit gesprochenen Texten und der live performten Musik?
SR: Sowohl bei The Cave als auch bei Different Trains habe ich mich beim Komponieren genau an das Gesprochene gehalten ­– ich habe die Musik so notiert, wie die Akteure sprachen. Da es viele ganz kurze Sprech-Passagen gibt, führte das zu einem ständigen Ton und Tempowechsel. Vor allem The Cave ist deshalb schwer zu spielen und lässt oft rhythmischen Schwung vermissen. Bei Three Tales sollte die Musik Vorrang haben. Die musikalischen Belange sollten Vorrang vor den Video-Samples haben, die dann geändert und so der Musik angepasst wurden. Dadurch haben die Musiker länger als in den meisten anderen meiner Stücke Zeit, innerhalb eines Tempos und über einen längeren Zeitabschnitt hinweg einen gewissen Schwung zu entwickeln. Das erlaubt es mir auch, die harmonische Bewegung der Musik insgesamt besser zu kontrollieren und die Video-Samples darauf abzustimmen. Das ist besonders bei diesem Stück − vor allem bei Dolly − erforderlich, das sich damit beschäftigt, wie sich unser Körper durch die Verwendung bestimmter Technologien zu verändern beginnt.
Ich nutze auch zwei neue Techniken, an die ich schon in den sechziger Jahren nachgedacht habe, die aber erst vor kurzem technisch möglich geworden sind. Die erste ist das, was ich als „Zeitlupenklang“ („slow motion sound“) bezeichne, das verlangsamen eines gesprochenen oder anderen Tonbeispiels ohne die Tonhöhe und die Klangfarbe zu verändern. Die zweite ist das Äquivalent zum Standbild im Film. Während einer der Interviewten im Video spricht, verlängere ich einen einzelnen Vokal zeitlich so, dass er zu einer Art hörbarem Kondensstreifen wird und tatsächlich zu einem Teil der Harmonik wird. Das bedeutet auch, dass, das, worüber der Interviewte spricht, der Gedanke selbst, zusammen mit dem Vokal in eben das verlängert wird, was dann folgt – nämlich eine Intensivierung dessen, was mit Sprache und Ideen in unserem Leben geschieht.
Eine kurze Szene, die wir „Nibelung Zeppelin“ nannten, ist eine musikalische Adaption des Amboss-Motivs aus Richard Wagners Der Ring des Nibelungen. Es erklingt während man die deutschen Arbeiter sieht, die 1935 in Friedrichshafen den Zeppelin bauten. Die Musik verwendet das Nibelungen-Leitmotiv aus dem Rheingold als ein wiederholtes Klangmuster, das zu kanonartigen Variationen seiner selbst gespielt wird. Wagners dominierender Orgelton (transponiert von b-Moll nach f-Moll) wird beibehalten und gedehnt. Am Ende sieht man den riesigen, vollendeten Zeppelin mit gewaltigen Hakenkreuzen an den Heckflügeln, ein Vorzeigeobjekt der Nazis, das in vielerlei Hinsicht Wagners Idealen entsprach. So deckt diese Szene indirekt auch die Nazi-Zeit ab – jedoch ohne sich direkt damit zu befassen.

BK: Während Steve darüber nachdachte, Wagners Leitmotiv zu verarbeiten, dachte ich an die Judson Dance Troupe in den 1960ern. Ich hatte mir das Archivmaterial von den Arbeitern, die die Hindenburg bauten, angesehen. Mir fiel die unglaubliche Grazie und tänzerische Qualität der alltäglichen Tätigkeiten der Arbeiter ins Auge, insbesondere, wie mehrere der Arbeiter auf dem Gerüst herumkletterten und -liefen. Also schnitt ich sie aus dem ursprünglichen Filmmaterial heraus, Bild für Bild und setzte sie zur Musik. Man hat hier eine Verbindung zweier der wohl unwahrscheinlichsten Einflüsse und ich denke, dabei handelt es sich um einen der Höhepunkte des Werks.

Von was für einer Art Theater sprechen wir hier?
BK: Unser persönlicher Untertitel für das Stück lautet ‚Two Tales and a Talk’. Es ist ein Ideentheater. […] Das Video liefert sowohl die sichtbare Aktion als auch das theatrale Setting, das bei der Aufführung unterstrichen oder auch subtil vervollkommnet werden kann. Die dazu auftretenden Sänger und Musiker sind eher statisch und ikonographisch, fügen dem Ganzen aber lebendige Präsenz hinzu, die sich zu lebendigem Raum ausweitet und unterstützt, was man auf dem Bildschirm sieht. Es ist kein Theater mit einem großen T, das versucht eine klassische Opern- oder Dramenform zu bedienen. Das Theater ist hier dazu da, dem Video und der Musik zu dienen.

SR: Die eigentliche theatrale Handlung spielt sich auf der Projektionsfläche ab. Die Sänger fungieren als eine Art Chor, der die Handlung auf der Projektionsfläche reflektiert. Jeder der drei Akte sieht nicht nur aus und hört sich nicht nur an wie sein jeweiliges historisches Zeitalter, sondern ist auch formal unterschiedlich aufgebaut, um Stellung zu der betreffenden Epoche nehmen zu können.

Werden Ihre Erfahrungen mit Three Tales Ihre zukünftigen Pläne beeinflussen?
SR: Ich denke die Verwendung von Sampling und Video nimmt im Musiktheater deutlich zu. Es ist einfach ein ehrlicher Ausdruck des Lebens, das wir heutzutage leben. ‚Zeitloses’ Musiktheater hat tatsächlich immer die Zeit und den Ort reflektiert, in dem es entstand.

Auszüge aus: „Ein Ideentheater“ – Interview von David Allenby mit Steve Reich & Bery Korot (2002)

EINBLICK IN DIE MUSIKALISCHEN PROBEN:

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Eingestellt von

Larissa Wieczorek

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