Managementplan für Wölfe an Thüringer Theatern [Wolf II]

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Als Dramaturgin ist es unter anderem mein Job, viel zu recherchieren, soviel wie möglich zu lesen und das Regieteam und Ensemble mit allen Infos zu vorsorgen, die für das Stück und die Inszenierung wichtig sein könnten. Das Publikum natürlich auch.

Jetzt liegt also Grimm! Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf auf meinem Schreibtisch und fünf Wochen mit einem Rudel Musicaldarsteller vor mir. Normalerweise suche ich nach einschlägiger Literatur über Mozart, Verdi und Konsorten am liebsten in einer wohlsortierten Fachbibliothek, aber Rotkäppchen und der Wolf? Da kann doch auch eine schnelle Google-Suche nicht schaden: „Wolf im Theater“ … nee … „Wildtiere im Kulturbetrieb“ … vielleicht … „Kulturmanagement für Wölfe“ … Treffer!

MANAGEMENTPLAN FÜR DEN WOLF IN THÜRINGEN“ als PDF des Thüringer Ministeriums für Umwelt, Energie und Naturschutz. Woher wissen die, dass es nur EINEN Wolf in Thüringen gibt?! Raphael Köb heißt er. Ein Plan, wie der zu managen ist, interessiert unsern Regisseur Stephan Beer bestimmt. Also querlesen:

„Vorwort. Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, der Wolf ist zurück in Thüringen.“ – Ja! Seit dem 11.12.2017, auf der Probebühne im Theater Erfurt!

„Dieses Tier kannten die meisten Menschen bisher nur noch als Sagengestalt aus Märchen und Geschichten.“ – Rotkäppchen, ähm Dorothea kennt ihn am besten… Aber wisst ihr eigentlich, wie so ein Märchen entsteht?

„Ursprünglich war der Wolf in Europa flächendeckend verbreitet. Doch nach langer systematischer und unerbittlicher Verfolgung und Bejagung wurde 1884 bei Greiz der letzte Wolf in Thüringen geschossen.“ – Wer ist noch mal das blutrünstigste und brutalste Tier der Welt?

Menschen sind Mörder, Wölfe sind Helden.
Nur dank der Menschen sind Wölfe so selten.
Auch wenn’s den Menschen nur selten gefällt:
Der Wolf ist das stolzeste Tier auf der Welt!*

„In dieser Zeit […] galt der Wolf als reißende Bestie, die bekämpft werden musste.“ – Deswegen wird es höchste Zeit, dass wir die WIRKLICH WAHRE Geschichte erzählen. Auf der Bühne.

„Viel später, nach seiner Ausrottung, wurde der Wolf oft als Symbol für Freiheit und Stärke idealisiert.“ – Wie? Ist das etwa auch nur ein Märchen? Aber Grimm singt doch:

Sei ein Wolf heißt: sich niemals verbiegen!
Was die Welt denkt, ist Wolf einerlei.
Ein echter Wolf wird dich niemals belügen.
Ein waschechter Wolf ist vielleicht manchmal einsam,
doch das ist ’nem einsamen Wolf einerlei,
denn dafür ist Wolf ja wirklich frei!*

„Der Wolf sollte jedoch weder verteufelt noch romantisiert werden.“ – Ach, immer diese bemüht neutralen Wissenschaftler, wie untheatral. Naja, nach der Lustigen Witwe brauchen wir aber auch wirklich nicht noch mehr Romantik.

„Um die Wölfe hier dauerhaft ansässig werden zu lassen, bedarf es unseres Schutzes. Doch das kann nur gelingen, wenn die Gesellschaft bereit ist, die Anwesenheit der Wölfe in der heutigen Kulturlandschaft zu akzeptieren.“ – Zur Kulturlandschaft gehört definitiv als Vorreiter die Theater- und Orchesterlandschaft! Für mehr Wölfe in deutschen Kulturorchestern! Unser Wolf wird schon mal relativ gut akzeptiert, auch wenn er lieber zu Swing heult, als zu Mozart.

„Dazu gehört aber auch, die Bevölkerung bei dem neuen Zusammenleben mit dem Wildtier zu unterstützen.“ – die Erfurter Bevölkerung darf sich unserm Wolf gerne auch erst mal mit dem Sicherheitsabstand des Orchestergrabens nähern.

„Eine anwachsende Wolfspopulation – immerhin das größte Raubtier in unseren Breiten – birgt auch Konfliktpotential.“ – Davon können Dorothea und Grimm ein Lied singen. Also nicht nur eins – eher 20. Ist ja auch ein Musical.

„Unser Ziel sind vielfältige Naturlandschaften im Freistaat.“ – Klar, Weltoffenheit soll vor Wölfen nicht halt machen!

„Der Wolf ist in Thüringen ab jetzt ein Bestandteil dieser Artenvielfalt. Ich werbe um Akzeptanz für die nach 130 Jahren wieder einwandernde Tierart und lade Sie ein, sich an der Gestaltung des Wolfsmanagements in Thüringen aktiv zu beteiligen.“ – meinen die wohl, die Thüringer können das besser als die pseudotoleranten Märchendorfbewohner?

Ob mit Horn oder mit Schwanz –
hier regiert die Toleranz!
Hier herrscht Frieden! Dort Gewalt!
Drum geh niemals in den Wald!!*

„Der hier vorliegende Managementplan Wolf bezieht sich jedoch ausdrücklich auf das Gebiet des Freistaates Thüringen. Die fachliche Grundlage für den Managementplan bildet das Fachkonzept Leben mit Wölfen: Leitfaden für den Umgang mit einer konfliktträchtigen Tierart in Deutschland (Reinhardt & Kluth 2007)“

Leben mit Wolf: gestern undenkbar –
Leben mit Wolf: heute der Hit!
Wer hier im Dorf gestern noch gekränkt war,
ändert die Meinung und singt plötzlich mit!*

„Der Managementplan für Thüringen verfolgt das Ziel, zum möglichst konfliktarmen Miteinander von Mensch und Wolf beizutragen.“ – Ha, da muss der Wolf aber auch mitmachen… und unser Grimm hat so manches Ressentiment gegenüber dem Mensch – der hat nämlich seine Eltern ermordet…

Kapitel 2.1 Wildtier-Management

„Die Disziplin Wildtier-Management entwickelte der US-Amerikaner Aldo S. Leopold (Leopold 1933) vor mehr als 80 Jahren.“ – Beachte: Leopold! = Vorläufer von Leipold. Peter Leipold, der aktuell höchstqualifizierte musikalische Wildtier-Manager in unserm Orchestergraben.

„Wolfsmanagement […] gibt Institutionen und Personen, die mit Wölfen zu tun haben, [zählen dazu auch Theater??] Empfehlungen und Handlungsanweisungen. Grundsätzlich besteht ein gutes Wildtier-Management aus folgenden Schritten:

  1. Formulierung einer Zielsetzung: [Premiere am 1.2.2018]
  2. Planung von Lösungswegen: [Bühnenbildmodelle, Kostümfigurinen, Castings uvm.]
  3. Entscheidung für einen Lösungsweg: [Konzeptionsgespräch, 11.12.2017]
  4. Umsetzung (Implementierung) der geplanten Maßnahmen: [Probenphase 11.12.2017-31.1.2018]
  5. Kontrolle (Monitoring), ob das Ziel erreicht wurde bzw. wird: [Feedbackaktion während der acht Vorstellungen bis zum 28.4.2018]“

Na, zum Glück haben wir keinen Schritt vergessen und sind voll im Wolfsmanagement-Plan!

„Wie erfolgreich das Wildtier-Management ist, hängt ab von der Transparenz des gesamten Managementablaufs, dem Einsatz der Interessengruppen, aber auch davon, wie fachlich kompetent die Beteiligten sind und welches gesamtgesellschaftliche Verantwortungsgefühl sie antreibt.“

Da müsste unser Musical-Erfolg doch eigentlich vorprogrammiert sein: auf der Bühne wird jeder Vorgang transparent, alle Interessensgruppen (Ensemble, Orchester, Gäste, Technik… und Publikum?) zeigen vollen Einsatz, alle Beteiligten zeichnen sich durch höchste fachliche und künstlerische Kompetenz aus und unser Bildungsauftrag zu gesamtgesellschaftlichem Verantwortungsgefühl hat uns sicherlich überhaupt erst bewogen, dieses Stück zu spielen.

Da kann nichts schiefgehen – also ToiToiToi für einen gut gemanagten GRIMM!

 

* Songtexte aus Grimm!

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Eingestellt von

Lorina Strange

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