Lasst uns über Schuhe sprechen!

2 KommentareVeröffentlicht am Categories auf der Bühne, dies & das, Hinter den Kulissen, Über uns

Dass Schuhe nur Frauensache sind, hat sich spätestens beim Besuch unseres theatereigenen Schuhmachermeisters Per Gantze als verkehrt herausgestellt: „I love leather“ klebt als Karte auf seiner Tür – Leder und Lederschuhe gehören zum festen Bestandteil seiner Arbeit.

In Per Gantzes kleinen, gemütlichen Werkstatt läuft das Radio. Ihn umgeben eine ganze Kollektion an Modellen, Schäften, Lederteilen und Maschinen, eine Reihe an Orchideen schmücken seine Fensterbank. Auch auf dem Boden sammelt sich so manches Material, größtenteils Lederabfälle – man sieht: hier ist ein echter Handwerker am Arbeiten. Als ich ihn besuche, fertigt er gerade Damenschuhe für Riccardo Zandonais Oper Giulietta e Romeo an, fünf von den sogenannten Cancan-Schuhen muss er insgesamt herstellen. Ich durfte dem gelernten Orthopädiemeister beim Fertigungsprozess über die Schulter schauen und habe die Entstehung des Schuhes dokumentiert.

Rund zwei Drittel der am Theater verwendeten Schuhe stammen aus eigener Produktion – ständig müssen Schuhe ausgewechselt werden, denn deren Abnutzung auf der Bühne ist extrem hoch. Währenddessen Straßenschuhe locker ihr zwei- oder mehrjähriges Bestehen feiern dürfen, müssen Theaterschuhe bereits nach etwa 70 Vorstellungen (wie bei unserem Weihnachtsmärchen Das Feuerzeug) “Lebewohl!“ sagen.

Die Vorlage für den Schuh erhält Per vom Kostümbildner – je nachdem sind noch passende Schuhe im Lager vorhanden oder er muss selbst Hand anlegen.

Für ein Paar Schuhe benötigt er zwei bis drei Tage Zeit. Mittlerweile fertigt er fast ausschließlich große Damenschuhe an – währenddessen die 38er Schuhgröße früher gängig war, sieht er sich heute hauptsächlich mit Schuhgröße 41konfrontiert.

Zur Herstellung eines maßangefertigten Schuhs wird zunächst der Fuß gemessen, Per nimmt eine Trittspur, von der die Maße auf ein Papiermodell übertragen werden.

Ausgehend von den angeglichenen Maßen fertigt er sogenannte Leisten, vorwiegend aus Fichtenholz, an, die je nach Absatzhöhe eher hoch oder flach ausfallen.

Ran ans Leder! Mit Kunstleder kann man am Theater nicht punkten: das echte Leder hat sich als robuster und praktischer erwiesen. Mit dem Zuschneidemesser gewappnet, werden einzelne Teile – die Schäfte – aus dem Leder herausgeschnitten.

Die Kanten der Schäfte werden anschließend mit Klebstoff eingestrichen und „umgebugt“ (umgeschlagen).

Wenn die Schäfte fertig sind, werden die einzelnen Teile mit der Fußnähmaschine zusammengeführt. Neben der angebrachten Haltenaht näht Per zusätzlich eine „Ziernaht“ an – sieht schön aus und gibt nochmal Befestigung.

Beim nächsten Schritt kommt das gelochte Innenfutter aus Kalbsleder zum Einsatz: es wird mit dem schwarzen Außenleder zusammengenäht, überschüssiges Material wird abgeschnitten, der Rest wird verklebt.

Es folgt ein Akt der Näharbeit, das bisherige Ergebnis lässt sich schon sehen! Nicht im Bild: die Befestigung der Ösen und das Einfügen der Schnürsenkel.

Der Damenschuh nimmt so langsam Form an: neben der Brandsohle wird eine Korksohle an der Leiste angebracht, aber erst einmal wieder zur Seite gelegt. Brauchen wir später wieder.

Zur Stabilitäts- und Formgebung fügt Per die „hintere Kappe“ ein. Um Schäfte und Kappe zu verbinden, nutzt er seinen ultimativen Hirschkleber – warum der so heißt, weiß er auch nicht. Riecht aber gar nicht so schlecht und erfüllt seinen Zweck.

Es wird ernst! Die Schäfte werden auf die Leiste gestülpt; Nägel befestigen das Ganze vorerst. Es wird geschlagen, gehauen und wieder herausgezehrt. Mit dem Tacker wird das hintere Teil schließlich gänzlich befestigt.

Fehlt nur noch die vordere Kappe, die dem Schuh ebenfalls Halt verspricht. Dieses Mal verwendet Per Stoffreste, die er sich (mit Erlaubnis) in der Schneiderei einverleibt hat.

Hier und da wird noch etwas geschliffen, Nägel werden reingehämmert, der Schuh ist schon fast fertig.

Laufen kann man auf den Schuhen allerdings immer noch nicht: dafür fehlt die Sohle sowie der Absatz. Neben dem Stahlgelenk, das nötig ist, wenn der Schuh „ausgeleistet“ wird, bringt Per zur Ausballung des Schuhs Kork an. Dieser wird anschließend mit der Schleifmaschine glatt gemacht; der Absatz kann nun angeklebt werden.

Für die untere Sohle wird die porige Gummisorte Porokrepp verwendet, die ein wenig erhitzt und dann aufgeklebt wird. Die überstehenden Kanten werden abgeschnitten, gefräst und geschliffen; Klebereste entfernt Per mithilfe von Sohlenmaterial aus Kautschuk.

Im Inneren des Schuhs befindet sich immer noch die Leiste: um sie herauszuholen, holt Per Spannriemen, Ausleisthaken und widmet sich mit vollem Körpereinsatz dem „Ausleisten“.

Den Schuh verschraubt er nochmals mit dem Absatz, schließlich soll dieser nicht abbrechen.

Damit die noch sichtbare Schraube verdeckt und ein bequemer Tragekomfort gewährt wird, fertigt Per eine Einlegesohle aus dem mit Innenleder beklebten Kork an. Kork passt sich nicht nur der Fußsohle an, sondern saugt auch hervorragend den Schweiß auf. Hmm lecker…

Einlegesohle rein und fertig ist der in liebevoller Handarbeit gefertigte Cancan-Schuh, der 31-jährige Berufserfahrung, viel Können, Geschick und Präzisionsarbeit vereint!

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2 Kommentare zu “Lasst uns über Schuhe sprechen!”

  1. Eine wirklich großartige Handwerksleistung die der Per als Schuhmacher hier vollbringt!
    Wer kann das schon noch behaupten maßgefertigte Schuhe tragen zu dürfen,und sei es ,,nur“ an der Arbeit!
    Toller Beruf!
    Viel Spaß weiterhin!

Eingestellt von

Magdalena Arnold

Magdalena Arnold

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