John Cage – der skandalöse Meister der Stille

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Der amerikanische Komponist John Cage (1912 – 1992) ist eine der einflussreichsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen revolutionierten nicht nur unser Denken über Neue Musik, sie wirkten sogar bis hin in die Sphäre der Popkultur. Zugleich ist Cage der Erfinder der Happening-Kultur und der Konzept-Kunst sowie einer der bedeutendsten Künstler der Fluxus-Bewegung – jener Kunstrichtung, der es nicht auf das Kunstwerk ankommt, sondern auf die künstlerische Idee.

In unserem Kammertheaterabend RadioTraum/Schrei, der am 3. und 25. Oktober 2019 in der STUDIO.BOX zu erleben ist, erklingen neben Lautgedichten des Dadaisten bzw. MERZ-Künstlers Kurt Schwitters gleich mehrere Werke dieses radikalen Musikerneuerers.

Cage, dem daran gelegen war, die Musik und ihre inneren Strukturen radikal zu enthierarchisieren, festgefahrene Hörgewohnheiten zu umgehen und das eigene künstlerische Ego in den Hintergrund zu stellen, beschäftigte sich zunächst mit der Aleatorik, jener Kompositionsform, bei der die Zusammensetzung der Musik den Gesetzen des Zufalls unterworfen wird. So würfelte er, warf Münzen oder befragte das chinesische Qi-Gong-Orakel, oder ließ, sobald es die ersten Computer gab, auch Computerprogramme über seine Tonfolgen entscheiden.

“Radio Music” von John Cage – live Radio

Sein Ideal einer „absichtslosen Musik“ verwirklichte Cage durch Kompositionen, die auf Zufallsoperationen basieren, darunter sein Opernzyklus Europeras (EUROPERA 5 wird ab 11. Juni 2020 in der STUDIO.BOX zu erleben sein), sowie die Imaginary Landscapes und die (in RadioTraum/Schrei zu hörende) Radio Music: Ohne vorherige Kenntnis des aktuellen Radioprogramms werden hierfür an mehreren Radiogeräten zu vorgegebenen Zeiten vorab vom Komponisten festgelegte Frequenzen und Lautstärken eingestellt, sodass das klangliche Ergebnis nicht nur frei von jedwedem wertenden Aufbau ist, sondern auch unabhängig vom individuellen Geschmack des Komponisten – ein Verfahren, das in der Bildenden Kunst im „readymade“ von Marcel Duchamp eine Entsprechung hat und im Klangergebnis an den Noise der Achtzigerjahre erinnert.

Übrigens: Um in unserer STUDIO.BOX, die leider jedwede Funkwelle von außen abschottet, live-Radioempfang zu ermöglichen, mussten unsere Kollegen der Tontechnik eigens Antennenkabel vom Foyer zu den Radios im Raum verlegen. Da heutzutage und hierzulande kaum ein Radiosender auf den von Cage geforderten Langwellen-Frequenzen sendet, mussten unsere Interpreten die Frequenzen mit einer komplizierten Matrix in UKW-Frequenzen umrechnen.

4’33” von John Cage – interpretiert von Samuel Bächli, Markus Weckesser und Máté Sólyom-Nagy

Zu Cages bekanntesten Werken gehört das 1953 entstandene, dreisätzige Werk 4‘33‘‘, das Zuhörer wie Komponisten zum Nachdenken über Musik und Stille anregt: Das Werk kann auf jedem beliebigen Instrument gespielt werden. Die Vorschrift des Komponisten besagt lediglich, dass das Werk dreisätzig zu sein habe, dass der Interpret bei jedem der drei Sätze zu schweigen habe (die musikalische Spielanweisung lautet “tacet” = lat. “er/sie/es schweigt”) und, dass die Gesamtspieldauer des Werks 4 Minuten und 33 Sekunden zu betragen habe, wie der Titel schon erahnen lässt. Üblicherweise benutzen die Interpreten eine Stoppuhr, um sie einzuhalten. Damit bringt Cage jene Auffassung, die alles zur Kunst erklärt und jeden zum Künstler, so überzeugend auf den Punkt wie sonst wohl kaum jemand. Angefangen von den schier unendlichen Möglichkeiten für die Interpreten (was tun sie während der 4’33” Stille und wie unterteilen sie diese in drei Sätze?) ist die zentrale Frage doch vor allem, worin hierbei die Musik besteht: In der Stille? In den leisen, sonst kaum wahrnehmbaren “Nebengeräuschen”, wie dem Rauschen einer Lüftung? In den von Außerhalb in den Konzertsaal hereindringenden Geräuschen? Oder in den Reaktionen des Publikums? In dem Scharren von Füßen, dem Hüsteln oder auch in bewussten Einwürfen seitens der Zuschauer? In unserem Kammertheaterabend spielen Dirigent Samuel Bächli, Regisseur Markus Weckesser und Bariton Máté Sólyom-Nagy 4‘33‘‘ jedenfalls in der selten zu erlebenden Fassung für Pianoforte sechshändig.

John Cage’s Anweisungen zur Präpagierung eines Flügels
Samuel Bächli präparierte den Flügel gemäß Cages Tabelle mit Schrauben, Muttern, Streichhölzern und Radiergummis

Fast ebenso berühmt wie 4’33” ist John Cages Idee, das „akademisch verbotene, nichtmusikalische Klangfeld“ zu erkunden. Zu diesem Zweck präparierte er einen Flügel mit Fremdkörpern wie Schrauben, Muttern, Holzkeilen und Radiergummis derart, dass sie den Klang des Instruments radikal veränderten. Anschließend komponierte Cage Sonaten und Präludien für dieses “Prepared Piano”, dessen verfremdeter Klang nun vielmehr an Perkussionsinstrumente erinnert. In einer den Noten vorangestellten Tabelle gibt Cage minutiös vor, an welcher Saite und auf welcher genauen Länge welche Fremdkörper zu stecken haben – Vorgaben, die unser Stellvertretender Generalmusikdirektor Samuel Bächli genauestens befolgte, als er in einer sechstündigen Session seinen Flügel für die Aufführung der Sonatas for Prepared Piano bei RadioTraum/Schrei präparierte. Jene Technik des präparierten Instruments und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten, besondere Klangeffekte zu erzeugen, wurden vor allem von Musikern im Bereich des Free Jazz und der Improvisationsmusik begeistert aufgenommen und adaptiert.

Regisseur Markus Weckesser und Dirigent Samuel Bächli interpretieren “The Wonderful Widow of Eighteen Springs”

Aus einem ähnlichen Gedanken heraus entstand auch John Cages The Wonderful Widow of Eighteen Springs, ein Song für eine Stimme und geschlossenes Piano, bei dem der Pianist den Flügel zum Klingen bringt, ohne die Tastatur zu benutzen. Auch dieses Werk erklingt in RadioTraum/Schrei .

Auch wenn John Cage vor mittlerweile 27 Jahren verstorben ist – seine Ideen leben weiter: den Präparierten Flügel und 4’33” gibt es mittlerweile auch als Apps fürs Handy und letzteres Werk schaffte es Weihnachten 2010 dank einer Facebook-Graswurzelaktion sogar bis auf Platz 21 der britischen Charts! So wirkt Cage also auch bis in die Popkultur hinein…

 

 

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Eingestellt von

Larissa Wieczorek

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