Ich war die Senta im ersten Akt – volle Fahrt voraus für den Fliegenden Holländer

0 KommentareVeröffentlicht am Categories auf der Bühne, Hinter den Kulissen, Im Scheinwerferlicht

Voller Tatendrang soll es Mitte Februar mit dem Fliegenden Holländer losgehen. Und ich mittendrin in den Proben! Für fünf Wochen, in der Zeit von der Konzeption der Oper bis zur Premiere, bin ich als Praktikantin am Theater Erfurt. Ursprünglich wollte ich mir als Germanistik-Studentin mal die Pressearbeit am Theater anschauen. Der Zufall wollte es, dass ich auch in der Dramaturgie mal schnuppern und bei den Proben hospitieren darf.

Doch obwohl die Motivation loszulegen groß ist, gestaltet sich der Probenstart zunächst leider nicht so einfach: Viele Darsteller sind am ersten Tag krank. Also wird der Beginn kurzerhand um 24 Stunden verschoben.

Die ersten Proben auf der Probebühne

Das Ensemble ist international, die Darsteller kommen aus Deutschland, den Niederlanden, den USA, Georgien und der Ukraine. Auf Deutsch, Englisch und Französisch oder in einer Mischung aus all diesen Sprachen werden die Regieanweisungen kommuniziert und bei Bedarf zusätzlich auf Russisch übersetzt. Zur Unterstützung demonstriert Regisseur Guy Montavon zudem selbst Bewegungsabläufe. So wird z. B. der verdutzte Tenor Eduard Martynyuk (Erik), der kein Deutsch und kaum Englisch spricht, an die Hand genommen und quer über die Bühne geführt. Gleichzeitig prasseln deutsche Regieanweisungen auf ihn ein, die nach und nach übersetzt werden.

Erst Demonstration durch den Regisseur, dann Umsetzung durch die Darsteller

Die szenischen Ideen werden zu Beginn alle auf der Probebühne umgesetzt. Souffleuse Sieglinde Görn-Littauer und Regieassistentin Viktoria Knuth achten vor allem in dieser Zeit genau darauf, was die Darsteller singen und geben Hilfestellung, wenn Schwierigkeiten in der Aussprache auftreten. Alle „fürchtbaren“ Gräber der Schiffe und „bleischen“ Gesichter werden angemerkt und die Artikulation geübt.

 

Der chinesische Gastdirigent, der den Holländer musikalisch leitet, ist zu Probenbeginn ebenfalls noch nicht verfügbar, deshalb wird anfangs nur mit Korrepetitorin, bald darauf zusätzlich mit anderen Dirigenten geprobt

Nach ca. eineinhalb Wochen dann der Realitätstest auf der großen Bühne. Hier zeigt sich, ob alle theoretisch entwickelten Abläufe wirklich funktionieren. Denn auf der Probebühne können viele Teile der spektakulären Kulissen, wie zum Beispiel das riesige Holländerschiff, nur angedeutet werden.

 

Auf der Bühne kann erstmals das große Holländerschiff zum Einsatz kommen

Jetzt stehen die ersten Durchlaufproben an – langsam wird es ernst. Doch an dem Abend, an dem der erste Akt durchgespielt werden soll, kann Kelly God (Senta), die weibliche Hauptrolle des Stückes, nicht da sein, da sie in einem anderen Theater dringend für eine Kollegin einspringen muss. Was tun? Schließlich muss klar sein, wo Senta sich wann aufhält. Zum Glück gibt es ja eine Praktikantin, die oft in den Proben dabei war und diese Rolle als Statist mal übernehmen könnte… Richtig, das bin dann wohl ich. Ein Glück, dass Senta im ersten Akt nicht singt!

 

Klar bin ich auf der Probebühne immer wieder als Statistin zum Einsatz gekommen, aber auf der großen Bühne sieht das doch noch mal anders aus… Außerdem habe ich ein paar kleine Abschnitte noch nie in den Proben gesehen. Aber es wäre ja gelacht, wenn ich das nicht trotzdem hinkriegen würde. Mir bleibt sowieso keine andere Wahl. Deshalb lasse ich mir vorher von der Regieassistentin sagen, zu welchem Stichwort ich was zu tun habe, schreibe mir einen Zettel, auf dem (hoffentlich!) alles drauf steht und gehe auf die Bühne.

Meine Notizen für die Durchlaufprobe

Vorhang zu. Vorhang wieder auf, es geht los! Gleich zu Beginn bin ich mir nicht mehr sicher: Die Sätze, die ich mir notiert habe, wiederholen sich. Naja, zu einem halbwegs richtigen Zeitpunkt rolle ich aus dem Seilnest heraus, in dem ich am Anfang liege. Trotz Aufregung klappt alles ganz gut. Falls ich allerdings eines meiner Stichworte verpasse, stimmt mein ganzer Zettel nicht mehr.

Ich als Senta-Statistin in deren „Nest“

Fast am Ende des Aktes angekommen fange ich langsam an aufzuatmen. Ich sitze im hinteren Abschnitt der Bühne und rolle einen Ball gegen die Wand, während der Männerchor in der Mitte der Bühne steht und singt. Das ist meine letzte Aktion, danach muss ich nur noch aufstehen und nach vorne laufen. Doch plötzlich höre ich den Regisseur über das Mikrofon einen Namen sagen, gefolgt von einem „nach drüben“. Erst bin ich überzeugt, dass nicht ich gemeint bin, doch dann wird der Name noch einmal wiederholt und es klingt doch ein bisschen wie „Theresa“. Also schaue ich zum Tisch in der Mitte des Zuschauerraumes und sehe Regisseur und Regieassistentin vehement gestikulieren und auf die andere Seite der Bühne zeigen. Ich schnappe mir meinen Ball und gehe zur gegenüberliegenden Wand. Kurz darauf sehe ich hinter den Kulissen die Regieassistentin, die flüstert: „Andere Seite! Du musst rüber!“ Also nichts wie zurück dahin, wo ich herkam. Kurz darauf trampelt der Männerchor von 30 Mann im Gleichschritt genau dort, wo ich kurz vorher saß, von der Bühne. Ich stehe auf, gehe wie geplant nach vorne und der Vorhang schließt sich. Geschafft!

Im Nachhinein stellt sich heraus, dass anscheinend doch nicht ich gemeint war, sondern der Chor, der sich schräger aufstellen sollte. Ich habe meine erste Bühnenprobe zwar mit Aufregung aber doch relativ souverän gemeistert.

Insgesamt ist die Stimmung gut: Der Regisseur ist mit der Umsetzung seiner Konzeption zufrieden, es geht gut voran. Morgen kommt schon die Klavierhauptprobe, noch ohne Orchester, aber schon mit Kostümen und Maske. Und in nur anderthalb Wochen tritt das Holländerschiff dann in der Premiere seine Fahrt an…

Fotos: Theresa Pfister, Philipp Klier, Lutz Edelhoff

Text: Theresa Pfister

 

(Theresa studiert Germanistik und Philosophie in Erfurt und hospitiert im Fliegenden Holländer)

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Philipp Klier

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