GISELLE UND DIE LIEBE ZUM TANZ

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Bühnenprobe zu Giselle

Seit der Spielzeit 2011/12 ist Silvana Schröder Chefchoreografin des Thüringer Staatsballetts der Theater&Philharmonie Thüringen. Mit Ballettabenden wie Schwarzer Schwan oder Dracula begeisterten sie und ihr Ballettensemble sowohl das Publikum in Gera und Altenburg als auch auf Gastspielen am Theater Erfurt. Nun sind die Proben zu Giselle, der ersten Koproduktion zwischen Theater Erfurt und dem Thüringer Staatsballett in vollem Gange.

Der Ballettklassiker basiert auf Heinrich Heines Schilderung eines deutschen Volksglaubens in De l’Allemagne (1835): dem Glauben an gespenstische, tanzende Luftgeister, die in der Nacht treulose Männer zu Tode tanzen. Silvana Schröder, die dafür bekannt ist, bekannte Ballettstoffe aus neuer Perspektive zu deuten, sprach mit mir über ihre Faszination für den Ballettklassiker:

Was hat Sie veranlasst, eine neue Giselle-Choreografie zu entwickeln?

Giselle ist ein Werk, das heute immer noch aktuell ist. Auch heute existiert noch die Liebe, die den ein oder anderen enttäuscht und somit traurig enden kann. In dem Ballettklassiker täuscht Albrecht vor, Giselle zu lieben. Sie, die daran geglaubt hat, zerbricht und begeht aus enttäuschter Liebe Selbstmord. Der zweite Akt spielt dann im Reich der Toten, wo sie sich eigentlich an Albrecht rächen will, ihm aber schlussendlich doch verzeihen kann. In meiner Fassung wage ich den Schritt, zu behaupten, dass Giselle mehr Liebe in Albrechts aufrichtige Freundschaft hinein interpretiert, als er empfindet. In solchen Situationen gibt es manchmal Menschen, die besitzergreifend werden und aus diesem Grund zu Taten fähig sind, die über eine gesunde Liebe hinausgehen. Das Werk neu zu beleuchten war daher eine Notwendigkeit für mich.

Das Tanzen an sich ist in Giselle nicht nur Mittel des Ausdrucks, sondern auch ein ganz essenzieller Teil der Handlung: Es geht um die Leidenschaft Giselles für das Tanzen und darum, zu Tode getanzt zu werden. War das eine zusätzliche Inspiration für Ihre Choreografie?

Ich glaube, jeder, der mal professionell getanzt hat, kann das nachempfinden: Wenn Giselle sich in meiner Choreografie zu Tode tanzen will und sich die Füße blutig sticht, dann ist das ein Verzweiflungsakt, den wir eigentlich auch alle kennen. Nicht, dass wir uns wünschen würden, nicht mehr tanzen zu können, aber das Tanzen bringt Schmerzen mit sich. Das Ballett ist eine unglaublich selbstaufopfernde Branche, in der wir sehr diszipliniert und hart arbeiten müssen: Alles durch die Bewegung äußern, unsere innerste Seele preisgeben – teilweise bis zur Erschöpfung, Müdigkeit oder gar zur Besinnungslosigkeit. Wir tun es trotzdem gern und lieben es, genau dieses Gefühl zu haben. Der Stoff spiegelt also genau das wieder, was wir täglich erleben. Insofern können wir uns wohl alle mit Giselle identifizieren und entsprechend bebildern, was dieser Stoff in sich birgt. Es macht unglaubliche Freude, solch ein Stück zu tanzen, weil wir wissen: Auch wir verlieren irgendwann etwas, wir werden diesen Beruf irgendwann nicht mehr ausüben können – das birgt ja auch eine gewisse Tragik in sich. Was ist, wenn uns alles, was wir lieben, genommen wird – durch eine Verletzung? Ich habe mal das Mädchen in Le sacre du printemps getanzt, das ja auch zu Tode getanzt wird. Ich habe es geliebt, dieses Erschöpftsein und es war eine meiner größten, stärksten Rollen. Das Tanzen einerseits als Ausdruck einer Freude, einer Leidenschaft und andererseits auch einer Selbstaufgabe und einer Selbstzerstörung – wir wissen, dass das Hand in Hand geht. Und trotzdem leben und lieben wir das. Selbst wenn wir in einen zweiten Beruf wechseln müssen – wir Tänzer stehen ja irgendwann vor dieser Situation – selbst dann würden wir es niemals missen wollen, dieses Gefühl erlebt zu haben: was es bedeutet wirklich mit all deinen Sinnen zu tanzen – egal wo und wann es endet! Das ist etwas Besonderes!

In der klassischen Choreografie von Petipa gibt es ja einige für die Tänzer sehr anspruchsvolle und deshalb berühmte choreografische Elemente. Spielt so etwas auch für Sie eine Rolle?

Grundsätzlich glaube ich, dass auch ich eine für die Tänzer sehr anspruchsvolle Choreografie entwickelt habe und damit auch tänzerisch große Herausforderungen für sie gestellt habe. Insbesondere für die Tänzerin der Giselle wird das eine Riesen-Herausforderung – sowohl von der Kondition her als auch vom Bewegungsmaterial, was ich da choreografiert habe. Es ist auch grundsätzlich mein Anspruch, dass die Choreografien technisch sehr ambitioniert sind. Manchmal, zum Beispiel, wenn im zweiten Akt die Wilis erstmals auftreten, benutze ich anspruchsvolle Elemente aus der klassischen Choreografie von Petipa als Inspiration und kombiniere sie mit meinen eigenen, neu entwickelten choreografischen Bewegungsmitteln und Formationen. Virtuose tänzerische Kunststücke wie die berühmten 32 Fouettés, diese sportliche Ausdrucksform, braucht es bei mir aber nicht. Mir geht es mehr um die inhaltliche, psychologische Erzählung. Dafür habe ich Bewegungen gesucht und gefunden, die zugleich für das gesamte Ballettensemble anspruchsvoll und herausfordernd sind.

Théophile Gautier, der Librettist von Giselle sprach einmal davon, dass im Ballett die Musik in visuelle Eindrücke transformiert werden solle …

Das spielt für mich bei jedem Werk, das ich choreografiere, eine Rolle. Aber man kann auch eine langsame Musik nutzen, um dann kontrastierend dazu einen ein-zelnen Tänzer sich darin schnell bewe-gen zu lassen. Es kommt darauf an, was man erzählen möchte – das eine schließt das andere ja nicht aus. Trotzdem visualisiere ich die Musik mit meinen Bewegungen. Es sind ja immer Körper, Geist und Musik, die wir Choreografen und Tänzer miteinander vereinen.

Probenfotos: Viktor Koldamov

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Eingestellt von

Larissa Wieczorek

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