„… und dann kommt da einer mit diesem Sound …“

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Johanna Bastian und Malte Wasem
Johanna Bastian
Johanna Bastian

Johanna Bastian ist studierte Geigerin und Musikvermittlerin. Am Sonntag, den 4. Oktober, wird sie gemeinsam mit Chefdirigent Myron Michailidis das 1. Expeditionskonzert moderieren. Dann steht die dritte Sinfonie von Jubilar Ludwig van Beethoven, die Eroica, im Mittelpunkt. Höchste Zeit also für ein kurzes Gespräch mit Johanna!

Liebe Johanna, zuerst als Einstieg: Was ist das überhaupt, ein „Expeditionskonzert“?
Ganz einfach eine Veranstaltung aus zwei Teilen: Zuerst die Expedition und dann das Konzert. Im zweiten Teil hört man die Sinfonie genauso wie in einem richtigen Konzert. Und im ersten Teil gibt es davor den Ausflug, die Expedition, wo wir die Sinfonie vorab erkunden und kennenlernen. Das ist ein bisschen wie früher bei dem Spiel „Age of Empires“: Am Anfang ist noch die ganze Karte dunkel und unbekannt. Dann kann man einen Reiter losschicken, der die Gegend vorab erkundet, und am Ende kennt man das gesamte Gelände. So lernen wir am Sonntag auch die „Eroica“ erst mit musikalischen Beispielen und Anekdoten besser kennen – und danach kann man die Sinfonie noch einmal ganz neu hören.

Johanna Bastian
Johanna Bastian

Es ist das erste Mal, dass Du ein Expeditionskonzert gemeinsam mit Myron Michailidis moderierst.
Ich habe auf jeden Fall großen Respekt vor der Aufgabe. Dadurch, dass das Orchester und Chefdirigent Myron Michailidis auch anwesend sind, bin ich viel gebundener als sonst bei einer normalen Konzerteinführung. Zugleich hat das aber ja auch den Vorteil, dass man sich alle Beispiele direkt vom Orchester vorspielen lassen kann. Das ist häufig viel direkter als wortreiche Erklärungen. In der Vorbereitung habe ich die Eroica noch einmal ganz neu kennengelernt, und es gibt wahnsinnig viele Sachen, die ich dem Publikum mitteilen möchte.

Was genau hast Du da gefunden?
Das bleibt bis zum Konzert mein Geheimnis (lacht). Nur so viel schon mal vorab: Abgesehen von all den Legenden um Napoleon und die sagenumwobene Widmung der Sinfonie hat mich einfach die Musik selbst fasziniert. Das öffentliche Konzert war bei der Uraufführung 1804 noch gar nicht etabliert, die Leute hatten kein Spotify oder ähnliches, um Musik zu hören – und dann kommt da einer mit diesem Sound, und stößt alles um.

Die Reaktionen des Publikums waren sehr scharf nach der ersten öffentlichen Aufführung.
Absolut, man hat es nicht verstanden, „grell“, „bizarr“, „sittenverderbend“ – das war das einhellige Urteil in den zeitgenössischen Rezensionen.

Und heute gilt die „Eroica“ als eine der größten Sinfonien aller Zeit.
Ich erwische mich ja selbst manchmal dabei, dass ich zeitgenössische Musik anstrengend finde und lieber Beethoven höre. Aber bei Beethoven war es ja damals genau das gleiche.

Hast Du eigentlich eine Lieblingsstelle in der Sinfonie?
Es gibt diese Verfilmung, „Beethoven’s Eroica“ von Simon Cellan Jones, 2003 von der BBC produziert. Ganz am Anfang meiner Vorbereitung habe ich das geguckt. Während die Musiker spielen, blendet die Kamera durch die Gesichter der verschiedenen Zuschauer. Dann gibt es diese Stelle im ersten Satz, da wird es erst stiller und stiller, dann hämmern plötzlich diese Dominantseptakkorde heraus – und dann fängt einer der Konzertbesucher plötzlich an zu weinen, ein anderer hat totale Fluchtinstinkte, die Musik rüttelt die Leute richtig durch. Das ist eine Stelle, die einen besonders packt und die vielleicht meine aktuelle Lieblingsstelle geworden ist.

Johanna Bastian & Malte Wasem
Johanna Bastian & Malte Wasem

Am Ende dreht sich Beethovens „Eroica“ immer um die erwähnte berühmte Legende, dass die Sinfonie angeblich erst Napoleon Bonaparte gewidmet war, bevor Beethoven die Widmung wütend ausradierte. Andere behaupten, diese würde dem preußischen Prinzen Louis Ferdinand gelten. Hast Du das klären können?
Ach, ich glaube, das ist gar nicht so wichtig zu wissen. Die Liste der möglichen Helden, auf die sich diese Widmung beziehen könnte, ist ja unglaublich lang. Der eigentliche Held ist am Ende Beethoven und seine Musik, und darum soll es auch am Sonntag gehen.

Das Interview führte Malte Wasem, Orchesterdirektor des Philharmonischen Orchesters am Theater Erfurt.

Tipp: Hier geht es zum Film „Beethoven’s Eroica“ von Simon Cellan Jones, 2003 von der BBC ausgestrahlt: YouTube

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Malte Wasem