Endspurt für die Premiere von Bergs “Wozzeck”

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„Dreht euch, wälzt euch“ – so singt der Soldat Wozzeck in der gleichnamigen Oper von Alban Berg. Schon vom ersten Tag der Proben an drehten sich die Gedanken und Überlegungen aller Beteiligten zu diesem anspruchsvollen Stück wild im Kreis herum. Jetzt befindet sich das Ensemble der Produktion auf der eigentlichen Bühne im Großen Haus. Hier müssen die Mitarbeiter des Theaters mit dem besonderen Potenzial des Bühnenbildes zurechtkommen. Bereits am Anfang der Probenzeit habe ich mit Máté Sólyom-Nagy über seine Einstudierung der Titelpartie gesprochen. (Nachzulesen unter http://blog.theater-erfurt.de/schraege-buehnen-und-wahnvorstellungen/)  Kurz vor der Premiere am kommenden Samstag, 25.Februar, war ich erneut mit ihm im Gespräch.

Drei Wochen Probenzeit, was bleibt Dir besonders in Erinnerung?

Eine ganze Menge! Ich bekomme auf der Bühne viele verschiedene Dinge zu hören: Beschimpfungen, Beleidigungen, Koketterien der Frau, Erniedrigungen vom Hauptmann. Wenn ich diese Sätze höre, versuche ich, sie nicht als Darsteller, sondern als Person wahrzunehmen. Ich stehe dann an der Grenze zu meiner persönlichen, tatsächlichen Reaktion. Während der Proben versuche ich, diese in Erinnerung zu rufen. Und es ist meine Aufgabe, diese Reaktion aufzunehmen und festzuhalten. Dann wird es menschlich und glaubhaft. Ob ich in dieser Situation auf den Tisch haue oder sonst was, das ist dann Sache des Regisseurs. Zumal hatten wir ja eine Woche Theaterferien dazwischen, das war für mich ungewohnt. Wenn du bei einer Produktion eine sehr intensive Rolle hast, ist eine Woche ohne Proben eine lange Zeit.

Außerdem ist es ja so, dass wir in der letzten Probenphase mit dem Klang des Orchesters klar kommen müssen. Zuvor hatten wir nur ein Klavier dabei. Das war vertrauter und einfacher. Wir konnten uns auf die Bühne, die Requisiten, die Kostüme und aufs Schauspiel konzentrieren. Wenn es nun zum Durchlauf des Stückes kommt, kommt man der Rolle schon näher, und das Stück nimmt eine klare Form an. Mit dem Orchester sind einige Sachen schwieriger. Ich muss mich jetzt auch mit den Musikern absprechen, weil ich bestimmte Einsätze hören muss. Sonst bin ich bei der Aufführung aufgeschmissen.

Wie kommst Du denn mit dem Bühnenbild zurecht?

Schräge Bühnen sind für die Darsteller natürlich immer anstrengend, weil man mit den Beinen dagegen steuern muss. Meine Knie danken es mir (lacht). Aber das Bühnenbild von Wozzeck ist großartig. Es ist akustisch und auch optisch ausbalanciert. Man hat einen genauen Fokus auf uns Darsteller. Das bedeutet aber auch, dass wir uns sehr genau auf der Bühne bewegen müssen, weil man jede Kleinigkeit sieht. Das fordert mich heraus, und das ist schön. Auch lenkt die Bühne das Auge des Zuschauers nicht ab, sondern die Aufmerksamkeit eher in eine bestimmte Richtung. Die Bühne wird außerdem in jedem Akt größer und offener. In meinem letzten Bild stehe ich allein auf der leeren Bühne, da gibt es nur einige Sträucher an der Seite. Aber ansonsten ist die Bühne leer. Da fühle ich mich schon sehr verloren. Aber genau das passt ja in die gesamte Situation.

Gibt es noch etwas, was Du Dir für die letzte Phase der Proben wünschst?

Ich brauche ab jetzt ganze Durchläufe, um das Stück gestalten zu können. Die einzelnen Bilder sind technisch klar, aber die Rolle entwickelt sich im Stück, und das muss ich üben. Am besten mit Orchester, weil ich mich dadurch an den Klang gewöhne. Und zwischendurch wäre etwas Pause toll und am besten keine anderen Aufführungen. Dazu hoffe ich, dass ich abends schlafen kann. Wenn ich nach der Probe im Bett liege, stelle ich mir manchmal noch psychologische und rollentechnische Fragen. Darauf könnte ich verzichten. Und natürlich wünsche ich mir viel Kaffee, zum Wachbleiben (lacht).

Fotos: Lutz Edelhoff

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Eingestellt von

Christopher Schoenemann

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