Einen gemeinsamen Atem finden

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In rund zwei Wochen, am 20. Februar, wird Regisseur Christian Georg Fuchs seine Inszenierung von Claudio Monteverdis “Die Heimkehr des Odysseus” auf unserer Studiobühne vorstellen. Die Neuproduktion der Oper, der einen jahrtausendealter Stoff zugrunde liegt, ist erneut ein Gemeinschaftswerk unseres Hauses mit dem Erfurter Puppentheater Waidspeicher.

„Es geht um Heimat, Entwurzelung, Ankommen, großes Leid und Gefühle“, skizzierte Fuchs zu Probenbeginn kurz und knapp sein Konzept und kündigte vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik eine „globalisierte Puppenoper“ an. Und obwohl sich Puppenspieler und einige der Sänger schon aus Wagners Ring des Nibelungen (an einem Abend) (2013) kennen, sind die Proben dieses Mal doch ganz anders. Das liegt zum einen natürlich am Bühnenbild (angefertigt in unseren Theaterwerkstätten) und zum anderen an den hölzernen Hauptdarstellern, denen Sänger und Puppenspieler gemeinsam Leben einhauchen.Wie das funktioniert wollte ich während der Proben von Bariton Máté Sólyom-Nagy und Puppenspieler Thomas Mielentz genauer wissen…

Die Proben laufen seit einigen Wochen. Wie fühlt sich diese Produktion bisher für euch an?
Máté: Es fühlt sich in jedem Fall komplett anders an als beim Ring. Nicht nur, dass wir es mit anderen Puppen zu tun haben, auch die Musik ist sehr speziell. Im Ring gab es durchgehend diese fette Orchestermusik von Wagner. Da war es insgesamt schon leichter, Gefühle oder Stimmungen zu übertragen. In Monteverdis Barockmusik gibt es manchmal nur einen Akkord, auf den man singt. Es dauert seine Zeit, ein Gespür für dieses Stück zu entwickeln, den richtigen Zugang finden. Aber es macht in jedem Fall viel Spaß. Thomas: Bei Wagner war die Handlung vielleicht auch ein wenig besser aufgefangen aufgrund des festen Bühnenbildes. Im Odysseus haben wir ein bewegtes Bühnenbild, sogenannte Flightcases, das wir uns erspielen müssen. Und obwohl Máté und ich schon Erfahrungen im gemeinsamen Spiel haben, ist das eine komplett neue Situation auf die wir uns einlassen müssen.

Worin genau besteht der Unterschied zwischen den jetzigen Puppen und denen im Ring? Thomas: Im Odysseus bespielen wir Ganzkörperpuppen. Sie haben Gelenke und verfügen über alle Gliedmaßen, sind menschenähnlich gebaut. Der Zuschauer sieht also den kompletten Körper, und der möchte auch bewegt werden. Gefühle müssen sich durch die Gesten übertragen. Auch körperlich ist diese Produktion im Vergleich zum Ring anstrengender, denn die Puppen sind aus Massivholz, also viel schwerer. Teilweise spielen wir eine Puppe sogar zu fünft oder zu sechst…
Máté: … und manchmal wünscht man sich sogar noch eine Hand dazu, die dann ein Bein oder einen Arm hält. Beim Ring konnte man etwas unter den Kleidern verstecken. Außerdem haben wir damals hinter etwa 70 Zentimeter hohen Blenden gespielt. So war der Spieler, der die Füße bedient hat, gar nicht zu sehen. Im Odysseus sind wir alle sichtbar, und da müssen wir noch genau schauen, wie es passt.

Máté, du gibst dem Odysseus deine Bariton-Stimme, bist aber wie Thomas auch Puppenspieler. Wie geht das im Spiel zusammen, ohne dass der eine den anderen aus der Konzentration bringt? Máté: Man muss schon sehr wachsam und tatsächlich hoch konzentriert sein. Der Hauptpuppenspieler des Odysseus ist Martin Vogel, ich halte mindestens eine Hand, aber manchmal auch den Kopf. Thomas ist hauptsächlich für Hüfte und Füße zuständig. Thomas: Es ist wichtig, einen gemeinsamen Atem für die Bewegungsabläufe zu finden. Disziplin ist selbstverständlich. Aber da wir alle auf unserem Gebiet Profis, also Bühnenmenschen sind, klappt das ohnehin. Máté: Durch die Proben gewöhnen wir uns ja alle immer mehr aneinander. Ich verstehe immer besser wie das Puppenspiel funktioniert, und die Puppenspieler wissen irgendwann genau, wie schnell ich etwas singe. Mit jeder Szenenwiederholung wird auch für diejenigen, die kein italienisch verstehen, immer klarer, worum im Text geht. Wir Sänger können ja alle italienisch, denn das gehört zum Studium dazu, aber die meisten unserer Puppenspieler müssen zunächst mit der deutschen Übersetzung arbeiten. Mit der Zeit können wir uns alle gegenseitig immer besser aufeinander einstellen, und am Ende wird schließlich alles zu einer Einheit.

Máté Sólyom-Nagy mit Odysseus-Puppe
Máté Sólyom-Nagy mit Odysseus-Puppe. Foto: Alexandra Kehr

Wie gelingt es, eine Holzpuppe so mit Leben zu erfüllen, dass sie den echten Menschen, den echten Darsteller nicht vermissen lassen? Thomas: Das Erlebnis einer offenen Spielweise wie dem Puppenspiel ist für den Zuschauer, dass er praktisch zwischen der Kunstfigur und dem echten Darsteller hin und her wechseln kann. Das eine ergänzt das andere und macht es deshalb so sinnlich erlebbar. Das macht auch einen großen Teil unserer Konzentration aus, dass wir Puppenspieler praktisch auf die Szene schauen. Máté: Für mich als Sänger, der ja auch mal den Kopf halten muss, ist das gar nicht so einfach. Denn ich muss – wenn die Puppe Odysseus den Kopf nach unten neigt – meinen eigenen ja gar nicht bewegen…Also muss ich da ganz schön aufpassen.

Warum sollen die Leute sich diese Inszenierung unbedingt anschauen? Máté: Die Geschichte, die wir erzählen, ist knapp 3000 Jahre alt und immer noch so wahnsinnig aktuell, wenn wir an Begriffe wie Heimat und Ankommen denken. Die Sprache und Erzählweise gibt es heute so nicht mehr. Wie wurden Gefühle damals beschrieben, oder wie hat sich jemand mitgeteilt, wenn er von Liebe oder Freude sprach? Thomas: Man bekommt ein einmaliges, unmittelbares Liveerlebnis, das kein Kino oder Internet ersetzen kann.

PS: In einem eigenen Blog informiert Regisseur Fuchs regelmäßig über den Fortgang der Proben: https://odysseus2016.wordpress.com

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