Eine Nacht im Theater

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2. September 2017 – Spielzeitauftakt – So kann sie kommen, die neue Saison. Der Tag der offenen Tür und die erste Vorstellung sind über die Bühne, aber der Tag noch lange nicht vorbei.

 

22.00 Uhr   „ Fünf km geradeaus, 21 km links abbiegen!“ – Der Nachtlauf rennt am Theater vorbei. Die Stadtharmonie beginnt die zweite Konzerthälfte.

22.30 Uhr   Die Stadtharmonie weiß schon, dass sie pünktlich aufhören muss, oder??

22.45 Uhr   Die Hinterbühne sieht schon mal schön loungig aus. Aber sollte es hier nicht auch eine Bar geben?

23.00 Uhr   Schlussapplaus. Noch eine Zugabe. Die Umbaumannschaft steht in den Startlöchern.

23.05 Uhr   Heiratsantrag auf der Bühne. Awww. Noch eine Zugabe.

23.15 Uhr   Fliegender Wechsel.

23.30 Uhr   Der Barmann taucht auf. Wir brauchen noch einen Tisch! Und noch einen. Ist eigentlich der Stummfilmpianist schon im Haus? Sind alle Give-aways ausgelegt?

23.45 Uhr   Der Wachmann sagt, es stehen jetzt schon Leute vor der Tür! Schnelle Stellprobe für den Chor.

00.00 Uhr   Türen auf! Die ersten Gäste rennen förmlich herein. Mit Rollkoffern bepackt! Bloß den besten Platz sichern. Ähm, das beste Bett natürlich.

00.15 Uhr   Die Hinterbühne ist voll. Wer hätte das gedacht. Es gibt sie, die verrückten Besucher. Johannes Beckmann begrüßt. Knicklichter-Spaß.

00.20 Uhr   Majestätische Eröffnung. Nach 15 Inszenierungen und 170 Vorstellungen singt Christina Rümann die Königin der Nacht zum ersten Mal nach Mitternacht. Und jede Koloratur sitzt messerscharf.

00.30 Uhr   Ich sollte öfter a capella Chormusik hören! Wie aus einer anderen Welt. Der Jugendchor lässt den Mond aufgehen und die Sternlein stehen. Stehen? Stehen da wirklich Gäste? Haben wir tatsächlich nicht genügend Sitzmöbel?

00.45 Uhr   Mittlerweile ist auch die Bar fertig aufgebaut. Bier. Brezeln. Knabberzeug. Keine Muskatnüsse. Bachs d-Moll Paritita soll nach einer Muskatnussreibe geklungen haben, als Joseph Joachim sie spielte. Wenn Frau Stümke sie spielt, ist es ein virtuoser Rausch. Alle hören konzentriert zu – im Sitzen und viele im Liegen. Note to self: Wenn man sich einen Wein mitbringt, sollte man an den Korkenzieher denken.

1.05 Uhr     Großes Zurechtrücken. Den Flügel, die Leinwand. Und es findet doch jeder sein Plätzchen, um es sich gemütlich zu machen. Das Ganze war keine Schnapsidee! Darf man jetzt schon denken, dass die Nacht ein Erfolg ist?

1.10 Uhr     Richard Wagner – Der Film. Olav Kröger – Der Pianist. Ein Konditionstier! Dramatischte Gestik auf der Leinwand. Wagnermotive auf dem Tasten. Holländer. Rienzi. Tristan. Rheingold. Herr Beckmann, wir haben alles richtig gemacht.

2.00 Uhr     Die Nackenkissen von den Stadtwerken waren eine super Idee. Mit Erdnusstüten kann man auch leise rascheln. Oder einfach den nächsten lauten Ausbruch abwarten, dazu gibt der Film viel Anlass. Verfolgung. Flucht. Dramatik. Dieser Wagner war schon einer…

2.30 Uhr     Ach ja übrigens: Minnas Eifersucht hat die Ehe zerstört. Nicht etwa Richards Fremdgehen. 1913 gedreht eben.

2.58 Uhr     Furioser Schlussakkord. Wagner ist tot. Olav Kröger immer noch nicht müde. Wir begeistert!

3.00 Uhr     Schneller Wechsel von Wagner zu Jazz. Mit der Holger-Arndt-Connexion kehrt Lounge-Atmosphäre ein, an der Bar steht eine Schlange.

Holger Arndt

3.15 Uhr     Der Wachmann sagt, es seien im Laufe des Abends schon 180 Leute da gewesen! Als Julia Stein sieht, was hier noch los ist, geht sie sich doch erst mal einsingen.

3.30 Uhr     Es sind noch so viele wach, dass JoBe mit Mikro lesen muss. Mitten-in-der-Nacht-Geschichten über scharfes Chilli, einsame Spaghetti und perfekte Momente. Wie dieser hier.

4.00 Uhr     25 Minuten Film von Band, da könnte man doch mal ein kleines Nickerchen machen, wenn man schon keinem Künstlern gegenüber ein schlechtes Gewissen haben muss. Wenn nur Buster Keaton nicht so lustig wäre. Slapstick macht wach und wir sind doch grade auch irgendwie im „Playhouse“.

4.25 Uhr     Dem Türdienst ist langweilig. Wenn sich wenigstens mal jemand verlaufen würde, den sie suchen gehen könnten… Verstecken spielen im nächtlichen Theater?? – Nein, lieber noch ne Cola trinken.

4.30 Uhr     Holger Arndt zum zweiten. All blues geht auch ohne Trompete. Der Barmann holt schon wieder eine neue Kiste Bier. Die härtesten Sängerinnen des Ensembles nehmen schon mal eins zum warm werden.

5.00 Uhr     Effortlessly graceful, effortlessly beautiful, effortlessly amazing = the real Divas. Der eleganteste Pyjama-Auftritt aller Zeiten der Kollegen Fredheim, Stein und Neubert. Ein Lied an den Mond zum dahinschmelzen.

Margrethe Fredheim und Julia Stein

5.20 Uhr     Vilja, Carmen, Orpheus, Eurydike, Orlowsky – zum Glück kriegt hier niemand ne Flasche an den Kopf, wir feiern ja alle brav mit – Operngala!

5.35 Uhr     O mio babbino caro – meine Fresse, sind das Wahnsinnskollegen.

5.44 Uhr     Das schönste Pärchen des Abends schläft sogar himmlisch schön, zu himmlischer Musik.

5.50 Uhr     Ralph, kannst du bitte in Zukunft immer Zipfelmütze tragen?

Ralph Neubert

6.00 Uhr     Die Kollegen, die jetzt ankommen, wirken irgendwie so ausgeschlafen. Ist es echt schon Morgen? Herr Mantu spielt auf jeden Fall wie zur Primetime. Ich werde hibbelig, aber zum Glück, kann man auch zu Bachs Cello-Suiten tanzen.

6.20 Uhr     Ich fange an, Englisch zu reden. Denkt mein Körper, ich sei in Australien? Ein bisschen wie Jetlag fühle ich mich mittlerweile schon.

6.30 Uhr     In der ersten Reihe liegt ein kleines Mädchen im seligen Schlaf. Wolfgang Kaiser liest über Ulla. Bei der Stimme ist es eigentlich egal, was er ließt, es klingt wie ein Gedicht. Sekundenschlaf.

Wolfgang Kaiser

7.00 Uhr     Es kommt Bewegung in den Raum. Draußen ist es bestimmt schon hell. Ich mach dann mal ein paar Selfies.

7.30 Uhr     Taumännchen. Licht. Morgen. Wie? Ihr wollt schon gehen?

Nicole Enßle als Taumännchen

7.35 Uhr     Die Techniker stehen zum Umbau bereit. Schnell die Schlafsäcke einrollen.

7.45 Uhr     Umzug in die Kantine. Sonnenstrahlen treffen auf kleine Äugelein.

7.50 Uhr     Ich kann mich doch noch nicht von unsrer Bühne trennen. Kann ich noch was aufräumen? Wegräumen? Ups, da unten läuft schon wieder Tagesgeschäft.

7.55 Uhr     Szenenapplaus für das Kantinen-Team. Kaffee! Und voll besetzte Tische.

8.00 Uhr     Brezel. Weißwurst. Salonmusik. Wie dekadent.

9.05 Uhr     Die letzte Zugabe. Violinvirtuosi.

9.10 Uhr     Müssen wir jetzt echt nach Hause, oder können wir gleich einziehen?

9.15 Uhr     Dankbarkeit. Größer als Müdigkeit.

 

Fotos: Lutz Edelhoff

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Ein Kommentar zu “Eine Nacht im Theater”

Eingestellt von

Lorina Strange

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