DRUNTER UND DRÜBER – Interview mit Daniela Gerstenmeyer

0 KommentareVeröffentlicht am Categories Im Scheinwerferlicht
Daniela Gerstenmeyer ist Sopranistin im Ensemble des Theaters Erfurt. Nun hat sie unter dem Titel DRUNTER UND DRÜBER gemeinsam mit Markus Weckesser (Regie) und Mila van Daag (Ausstattung) eine Musiktheater-Collage entwickelt.
Daniela, wie kamst du darauf, ein Stück über den Lockdown zu entwickeln?

Eigentlich wie aus heiterem Himmel. Es gab viele Überlegungen dazu, was wir in der Corona-Zeit für Stücke spielen könnten. Die Distanzregeln waren dabei das größte Problem. Möglich schienen fast nur Kammermusik, Kammerspiel, Kammeroper …

DRUNTER & DRÜBER | Daniela Gerstenmeyer als „Johanna Brandt“ | Foto: Lutz Edelhoff

Ich habe mich dann gefragt: „Warum erhebt man nicht die Kammer, das Zimmer zum Bühnen-Prinzip?“
Das Thema Lockdown hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Denn – ohne all jenen zu nahe treten zu wollen, die Schlimmes erlebt haben – es war doch eine höchst spannende Zeit! Trotz der Distanz und Abschottung, trotz Ungewissheit und Existenzsorgen konnte man das Entstehen von Nähe zwischen den Menschen spüren, wie nie zuvor. Man hat auf einmal auch fremde Menschen um sich herum wahrgenommen, war füreinander da. Aber kaum, dass die ersten Lockerungen kamen, war wieder jeder für sich.

Wie wird aus solchen Überlegungen ein Bühnenstück?
DRUNTER & DRÜBER | Daniela Gerstenmeyer als „Johanna Brandt“, Julia Stein als „Verena Beck“, Margrethe Fredheim als „Charlotte Bergmann“, Juliane Billeb als „Mira Peters“, Brett Sprague als „Marc Moore“, Daniela Backhaus als „Tatjana Schwarz“ und Caleb Yoo als „David Lee“ | Foto: Lutz Edelhoff

Mit dem Gedanken, eine Art Kammerspiel auf der großen Bühne zu machen, kam das Bild in mir auf, dass man doch die unterschiedlichen Erfahrungen diverser Menschen in den Zimmern eines Mehrfamilienhauses darstellen könnte. Dabei geht es auch unabhängig vom Lockdown um die Isolation unserer Gesellschaft: Die Menschen, die wir zeigen, haben am Anfang nichts miteinander zu tun – außer, dass sie eben in einem Haus wohnen. Sie leben aneinander vorbei, finden dann aber in der Corona-Zeit trotz allem irgendwie zueinander.
Gemeinsam mit Markus Weckesser und Mila van Daag ist daraus dann eine musikalisch-szenische Collage entstanden, für die Peter Leipold tolle Arrangements komponiert hat.

Was war dir dabei wichtig?
DRUNTER & DRÜBER | Leonor Amaral als „Dr. med. vet. Amelie Winter“ | Foto: Lutz Edelhoff

Der Schock des plötzlichen Stillstands hat nicht nur für Frust und Kreativität gesorgt, sondern vor allem auch viele Menschen dazu gezwungen, sich mal mit sich selbst zu beschäftigen. Wer sind wir eigentlich? Was ist der innere Antrieb eines jeden, wenn der externe Druck fehlt? Wir Künstler definieren uns selbst meist über unsere Kunst, unseren Beruf – andere definieren sich über ihre Hobbies oder ihr soziales Umfeld. Was passiert, wenn das plötzlich alles wegfällt?

Wie beendet man so einen Abend? Die Corona-Situation ist ja noch nicht überstanden.
DRUNTER & DRÜBER | Brett Sprague als „Marc Moore“, Katja Bildt als „Heidi Schulze“, Ks. Máté Sólyom-Nagy und Ensemble | Foto: Lutz Edelhoff

Mila van Daag, Markus Weckesser und mir war wichtig, dass es kein Happy End gibt. Wir können nicht leugnen, dass diese Bedrohung fortbesteht und können nicht nach Freiheit rufen. Wie es weitergeht, ist für uns alle ungewiss. Sicher ist nur, dass wir jetzt nicht fahrlässig handeln dürfen. Das fahrlässige Verhalten Einzelner im Moment zeigt auf, wie egoistisch wir sind – ohne Rücksicht auf andere, deren Existenz und Gesundheit dadurch bedroht wird. Diese Krise hat uns viele Dinge, die in unserer Gesellschaft nicht funktionieren, Dinge, an denen unsere Gesellschaft schon lange krankt, vor Augen geführt.

Am Schluss singen wir einen Text, der mir sehr am Herzen liegt. Es heißt da: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“
Einerseits ist das religiös gemeint: Gott kann man nicht sehen und manche lachen über den Glauben. Aber wie oft belachen und beurteilen wir auch Mitmenschen, die an etwas scheitern oder Fehler machen, ohne das ganze Bild zu sehen – vielleicht geht es demjenigen gerade nicht gut?

Im Text heißt es dann weiter „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder, und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinnste und suchen viele Künste, und kommen weiter von dem Ziel.“ – Wir sind einfach so mit uns selbst beschäftigt, dass wir nur vermeintlichen Idealen, nur Luftgespinnsten nachjagen und dabei das Miteinander vergessen. Aber vielleicht bringt uns das in den letzten Monaten Erlebte ja nun dazu, uns neu zu orientieren!

Termine und Karten für DRUNTER UND DRÜBER unter:
https://www.theater-erfurt.de/Programm/Alle-Stuecke/Drunter-und-drueber.html

Teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Eingestellt von

Larissa Wieczorek

Larissa Wieczorek