Die Welt der Oper – babylonisch und thüringisch!

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Opernsängerinnen und Opernsänger verschreiben sich einem Beruf, in dem die Lust am Reisen, vor allem aber auch die Lust an verschiedenen Sprachen grundlegend für den Erfolg ist. Mit der Lust am Reisen ist sowohl das Reisen in neue Denkwelten, Phantasien, Rollen und psychologische Konstellationen gemeint, aber auch das ganz simple Reisen von einem Ort zum anderen, von einem Opernhaus zum nächsten. Wer sich aus den vertrauten vier Wänden nicht hinausbegeben mag, wird es als Theatermensch schwer haben. Jedoch ist es ein Unterschied, ob der Beruf als freischaffender Künstler in ständig wechselnden Gastengagements ausgeübt wird, oder ob man sich für eine gewisse, aber eben längere Zeit einem Ensemble an einem speziellen Theater anschließt. Der Freelancer, der heute in London, morgen in Dresden und übermorgen in Warschau singt, nächste Woche für CD-Aufnahmen nach Tokio fliegt, bevor das Neujahrskonzert in Montreal ansteht, wird sich nach einer gewissen Zeit in den diversen Hotels wünschen, einmal wieder “nach Hause” zu kommen. Die meisten Sängerinnen und Sänger, die ich kenne, werden betonen, daß ihr Zuhause dort sei, wo Freunde und Familie warten. Das kann durchaus dann auch ein Theater sein oder eben eine Stadt, die man sich zur bevorzugten Residenz erwählt hat.

Die Lust an anderen Sprachen als der eigenen Muttersprache ist aber aus einem noch anderen Grund als dem des Reisens so elementar. Alle Sängerinnen und Sänger, die heute auf einer Opernbühne stehen, müssen sich innerhalb kurzer Zeit in unterschiedlichen Kulturen und Sprachen bewegen können, müssen im echten Wortsinne polyglott sein. Und das, auch wenn Sie sich gar nicht an einen anderen Ort oder in ein anderes Land begeben. Während für die meisten Bereiche des (internationalen) Wirtschaftslebens gilt, daß man mit Englisch in der Regel zu einer guten Kommunikation kommt, gilt für die Welt der Oper nämlich, daß ohne Grundkenntnisse des Italienischen, Französischen und Deutschen (gerne darüber hinaus noch des Russischen und Tschechischen), eine Erarbeitung einer Rolle in der jeweiligen Sprache erschwert, wenn nicht sogar unmöglich wird.
Auch am Theater Erfurt werden die Opern in den jeweiligen Originalsprachen aufgeführt. Das bedeutet, daß zum Beispiel unser südkoreanischer Tenor Won Whi Choi, der seit dieser Spielzeit bei uns im Ensemble engagiert ist und der zehn Jahre lang in den USA gelebt und studiert hat, nun mit einem deutschsprachigen Regieassistenten an der französischen “Carmen” bzw. an der Rolle des Don José arbeitet. Seine Bühnenpartnerin, Aurore Ugolin, die als Gast an unserem Haus die Carmen singt, ist wiederum französische Muttersprachlerin, muss aber nun in unserer Produktion in den Proben mit den Kollegen auf Englisch kommunizieren.

Parallel zu den Wiederaufnahmeproben “Carmen” hatte Won Whi Choi noch eine weitere große Partie zu bewältigen: die des Sou-Chong aus Franz Léhars “Das Land des Lächelns”. Hier musste er einen Chinesen spielen (was für den Südkoreaner ähnlich naheliegend ist, wie für einen Deutschen einen Italiener zu spielen….), der aber in deutscher Sprache singt und spricht. Seine Bühnenpartnerin war in diesem Fall mit Jomante Slezaite eine Sängerin aus Litauen, die die adlige Wienerin Lisa spielen, singen und sprechen musste.

Also alles Babel oder was?? Nein! Das Ziel jedes Sängers ist es natürlich, seine Rollen möglichst akzentfrei und idiomatisch auf die Bühne zu bringen. Hierfür braucht es dann manchmal einen Sprachcoach, der sich aber eben nur um die konkreten Probleme der jeweiligen Partie und die Aussprache des Operntextes bemüht. So engagieren wir in Erfurt zum Beispiel für russisches Repertoire (in dieser Spielzeit Tschaikowskys “Jolanta”) eine Muttersprachlerin, die mit unseren Kolleginnen und Kollegen des Solistenensembles aber auch des Chores arbeitet. Kommen ausländische Künstler für deutsche Partien an unser Haus, erhalten sie manchmal den letzten Feinschliff durch Schauspieler, die unserem Theater verbunden sind und gerade im Hinblick auf die Anforderungen der Bühnensprache ihre Kompetenzen einbringen.

Das alles ist wichtig und geschieht in Erfurt nicht anders als in Mannheim, Kopenhagen, Turin oder Regensburg. Aber damit ist eine andere Facette des erfolgreichen Arbeitens für die Sängerin oder den Sänger noch gar nicht abgedeckt. Und das ist die Frage der Sprachkompetenz im Alltag. Damit komme ich auf den Anfang meines Beitrags zurück: jene Künstlerinnen und Künstler, die für eine längere Zeit an einem Theater arbeiten und in einer Stadt leben wollen, ist es dauerhaft nicht befriedigend, beim Einkaufen im Laden oder bei der Bestellung abends im Restaurant immer wieder ins Englische ausweichen zu müssen. Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man natürlich das Bedürfnis, sich möglichst rasch auch in der Landessprache verständigen zu können. Und aus diesem Grund haben drei unserer neuen Ensemblemitglieder neben ihrer Arbeit am Theater noch eine andere, große Aufgabe übernommen: sie bemühen sich in einem vom Theater organisierten, aber von den Künstlern selbst finanzierten Sprachkurs sich die deutsche Grammatik und ein umfangreiches Vokabular möglichst schnell anzueignen. Da das Lernen einer neuen Sprache in einer kleinen Gruppe besonders gut funktioniert, haben sich der südafrikanische Bariton Siyabulela Ntlale (Muttersprache Xhosa, Englisch und Afrikaans als primäre Kommunikations”plattformen”), die norwegische Sopranistin Margrethe Fredheim und der schon angesprochene südkoreanische Tenor Won Whi Choi zu einer Lerngruppe zusammengetan. Gemeinsam mit einer Lehrerin, die auch an der Universität Erfurt “Deutsch als Fremdsprache” unterrichtet, arbeiten die drei neuen Ensemblemitglieder nun mehrmals pro Woche an ihren Sprachfähigkeiten. Von den Erfolgen können sich alle Kolleginnen und Kollegen fast täglich überzeugen und es macht auch uns “Alteingesessenen” Spaß, im Gespräch mittags in der Kantine oder abends beim Feierabendbier immer häufiger vom Englischen ins Deutsche wechseln zu können. In diesem Sinne wünsche ich weiterhin sehr viel Erfolg!

Oder:

행운을 빌어 요

Likke tyl!

Amathamsanqa!

Im übrigen: wir sind gespannt, wann Siyabulela oder Margrethe dann so weit sind, auf dem Weihnachtsmarkt ein “Schittchen” zu bestellen… Allerdings gebe ich zu, daß dies auch einem hanseatischen Rheinländer wie mir nach immerhin nun knapp drei Jahren in Thüringen noch nicht locker von den Lippen geht!

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Eingestellt von

Johannes Beckmann

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