„Die Mona Lisa der Musik“

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90 Minuten – das ist die Dauer eines Fußballspiels, die Länge eines Tatorts und auch die Zeit, in der Joana Mallwitz und das Philharmonische Orchester es vollbracht haben, uns Franz Schuberts siebte Sinfonie in H- Moll, seine „Unvollendete“, näherzubringen.

Es ist 17:50 Uhr, unsere Karten sind abgestempelt, die Sitzplätze in der vierten Reihe gefunden und unsere Spannung auf das Folgende steigt.Wir befinden uns im Expeditionskonzert im Großen Haus des THEATERS ERURT und heute soll sich der Abend rund um den Romantiker Franz Schubert drehen. Das lockte nicht nur uns, sondern auch noch viele andere Theater-Freunde in die Zuschauerreihen.

Wer war Schubert und was macht seine Musik auch heute noch so aktuell, wo rührt seine Zeitlosigkeit her? Was hat es mit der mysteriösen Unvollständigkeit seiner Sinfonie in H- Moll auf sich? Und zu guter Letzt: Was werden wir gleich vom Orchester zu hören bekommen? Diese Fragen brennen uns unter den Nägeln als wir durch stetiges Aufstehen und Hinsetzen von unseren Polsterstühlen die Besucher zu ihren Plätzen strömen lassen und auf der Armbanduhr den Beginn des Konzerts sekündlich näher rücken sehen.

Ein Cello und die Kontrabässe stehen schon bereit, als das Orchester pünktlich die Bühne betritt, gefolgt von Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz, die vom Publikum mit Applaus begrüßt wird. Gleich zu Beginn schafft sie es, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, als sie die Unvollendete die „Mona Lisa der Musik“ nennt, um die sich unzählige Geheimnisse ranken. Man spürt ihre Nervosität, aber ihre ebenso große Freude als sie voller Pathos von Schubert und seiner Musik berichtet. Die Aufregung ist schnell vergessen und weicht Mallwitz’ übergreifender Sympathie und Herzblut für die Melodien, die ihr vom Publikum mehr als deutlich reflektiert werden.
Während wir ihren Erläuterungen zur „Unvollendeten“ lauschen, wird uns bewusst, wie still es im Zuschauerraum ist. Alle spitzen die Ohren und nur vereinzelt hört man ein ersticktes Husten oder ein gemeinschaftliches Lachen des Publikums als sich zum Beispiel der Taktstock mal wieder als unauffindbar erweist oder die Dirigentin singend den Text vorträgt, der sich über die Jahre als Untermalung von Schuberts zweiten Thema in der Sinfonie eingebürgert hat: „Ida, wo kommste her, wo gehste hin, wann kommste wieda?“. Das sorgt für Lacher wie man sie selten in Verbindung mit klassischer Musik, ernster Musik oder Kunstmusik zu hören bekommt.

Besonders beeindruckt uns allerdings das Zusammenspiel zwischen der Dirigentin und dem Orchester. Es ist geprägt von gegenseitigem Wohlwollen, von ständiger Aufmerksamkeit der Musiker gegenüber den Ausführungen der Generalmusikdirektorin und Konzentration auf das musikalische Geschehen. Auf dieser Basis gelingt es, einzelne Motive oder Takte darzubringen, die genau den „Nagel auf den Kopf“ treffen und so das musikalische Verständnis des Zuschauers maßgeblich verbessern. Die verbalen Ausführungen von Joana Mallwitz wirken ebenso unprätentiös wie sie Schubert selbst beschreibt. Klar verständlich und für jeden im Saal nachvollziehbar. So kommt auch der musikalische Neuling mit der Expedition über den Mann, der nachts nie seine Brille abgenommen haben soll, um pausenlos komponieren zu können, auf seine Kosten.

Ein Höhepunkt des Abends ist sicherlich der Vortrag eines Werkes Schuberts aus seiner übervollen Schublade der Kunstlieder. Wir sind umso erwartungsvoller, als das Lied von einem neuen Ensemblemitglied, der norwegischen Sopranistin Margrethe Fredheim dargeboten werden soll. Mallwitz untermalt mit dem Flügel den magischen Moment und auch in dieser Konstellation scheint die Chemie zu stimmen. „Nach so einem Lied möchte man eigentlich am liebsten nur schweigen…“, fasst sie die Stimmung anschließend zusammen.

Dennoch gibt es noch mehr zu erfahren, und der Abend nähert sich mehr und mehr dem finalen Abschluss, „der vollständigen Umsetzung seiner unvollständigen Sinfonie“, ein Wortspiel, mit dem die Dirigentin uns und viele anderen Zuschauer erneut zum Schmunzeln und Nachdenken bringt. Ist Schuberts „Unvollendete“ vielleicht sogar vollendet? Uns scheint es so, als würden Bruchteile nun zu einem Ganzen zusammengefügt werden – die Sinfonie erklingt. Ein echter Gänsehaut-Moment!

„Am Ende wissen wir nur, dass wir nichts wissen,“ beschließt Joana Mallwitz ihre mündlichen Ausführungen. Was die Zuhörer im Saal jedoch genau wissen, ist, ihrer Begeisterung durch nicht enden wollenden Applaus für die Generalmusikdirektorin und das Philharmonische Orchester des Theaters Erfurt Ausdruck zu verleihen.

Unser Fazit: Facettenreich, bezaubernd und originell sind drei treffende Adjektive, um die 90-minütige „Expedition Schubert“ zu beschreiben. Joana Mallwitz schafft es, mit viel Wissen und Leidenschaft das Publikum auf ihre Seite zu ziehen, ohne dabei dem Orchester die Show zu stehlen. Ganz im Gegenteil, gerade das gegenseitige Vertrauen schafft eine ganz besondere Atmosphäre, die jeder im Saal zu spüren bekommt.
Am 30. Januar 2016 lädt die Generalmusikdirektorin des Theaters Erfurt erneut auf eine spannende Reise ein: Die „Expedition Mozart“ entführt uns dann nach Sevilla ins 17. Jahrhundert, wo ein Mann namens Don Giovanni die Frauen reihenweise verführt…

(Alicia Franke und Mara Hildesheim absolvieren in dieser Spielzeit 15/16 an unserem Haus ihr Freiwilliges Soziales Jahr Kultur. Beide haben das Expeditionskonzert am 6.10. gemeinsam besucht.)

Foto: Nikolaj Lund

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Eingestellt von

Alexandra Kehr