„DIE KLISCHEES SIND NICHT DAS STÜCK“ – GUY MONTAVON ÜBER SEINE CARMEN

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Bühne DomStufen-Festspiele 2018

„Die Liebe ist ein Zigeunerkind, sie hat niemals ein Gesetz gekannt…“, diese freiheitliche Einstellung zur Liebe führt die stolze Zigeunerin Carmen in ein Eifersuchtsdrama und letztendlich in den Tod, weil sie die Männer überfordert. Für die diesjährigen 25. DomStufen-Festspiele inszeniert Guy Montavon diese Erfolgsoper in einem spektakulären Bühnenbild aus Schrott-Autos, das Ausstatter Hank Irwin Kittel entworfen hat. Das „fahrende Leben“ der Schmuggler um Carmen wird so in drastische und gleichermaßen kunstvoll-stilisierte Bilder zwischen Idylle und Müll, zwischen Selbstbehauptung und Außenseitertum, zwischen Freiheit und Unterdrückung gekleidet.

Herr Montavon, warum haben Sie sich dieses Jahr für die Oper Carmen auf den Domstufen entschieden?

Carmen ist nicht nur ein populärer Titel, sondern vor allem ein guter Stoff. Die DomStufen-Festspiele haben den Anspruch, mit hoher künstlerischer Qualität ein großes Publikum zu erreichen. Grade sehr bekannte Stücke wie Carmen können dem gut gerecht werden, weil sie ansprechen und gleichzeitig nach Neuinterpretationen rufen, die uns erlauben, wirklich Kunst zu machen.

Guy Montavon Pressekonferenz zum Bühnenbild Carmen und 25. DomStufen-Festspielen
Guy Montavon beim Pressegespräch zu den 25. DomStufen-Festspielen

Carmen ist wie kaum eine weitere Opernfigur mit Klischees beladen. Wie gehen Sie damit um?

Die Klischees kommen nicht von ungefähr. Die Handlung spielt in einem ganz konkreten Ambiente, nämlich in Andalusien in Südspanien. Diese Verortung führt leicht zu einer gewissen Folklore. Das ist in Ordnung, aber diese Klischees sind nicht das Stück! Manche Klischees sind auch entstanden, weil bestimmte große Sänger diese Partien so häufig gesungen haben, dass ihr persönlicher Stil und ihre Interpretation scheinbar zum Teil der Rolle geworden sind. Dadurch entfernt man sich vom Werk. Diese Bilder von Carmen mit Flamencokleid und Fächer, die man häufig sieht, beschreibt der Autor auf gar keinen Fall. Die Grundaussage ist: Carmen ist eine Frau der besonderen Art. Aber es steht nirgendwo geschrieben, dass sie eine Rose im Haar hat, geschweige denn dass sie besonders schön ist.

Was ist für Sie der wesentliche Aspekt der Handlung?

Im Wesentlichen ist es eine Oper über Freiheit. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr erkennt man, wie wahnsinnig präsent der Begriff der Freiheit in diesem Werk ist. Die Welt ist in Ordnung bis zu dem Moment, an dem Carmen festgenommen wird und ins Gefängnis soll. Da beginnt sie zu taktieren, weil ihre Freiheit bedroht ist. Am Ende des zweiten Aktes wird die Freiheit geradezu hymnisch besungen.

Die vielbesagte Freiheit der Bohème?

Ja, das gehört alles zusammen. Carmen ist eine Bohémienne, eine Romanichelle, eine Zigeunerin, wie man es auch nennen mag. Aus der romantisierten Perspektive stehen die Zigeuner für ein freies, wildes, idyllisches Leben, aber die Realität ist im Gegenteil eher geprägt durch einen steten Freiheitskampf, weil sie ständig verfolgt und unterdrückt wurden.

Ihr Bühnenbild besteht hauptsächlich aus Autos. Wo kommt diese Assoziation her?

Das hat mit dem Beruf der Zigeuner zu tun, die von jeher ausgesprochen gute Schmiede waren, Eisen und Stahl verarbeitet haben. Sie haben Räder und Achsen gebaut und waren ja auch häufig in den typischen Wagen unterwegs. Beförderungsmittel waren einfach immer ihr Metier. In Frankreich werden bis heute Schrottplätze sehr häufig von Roma betrieben. Das Thema Eisenverwertung gehört einfach zu ihnen. Das ist eine Begabung, die sie über die Jahrhunderte mitgenommen haben.

Daraus ist die Assoziation der Autos entstanden, die wie auf einem Schrottplatz aufgetürmt sind. Das ist noch dazu ein schönes Symbol. Einerseits hat ein Schrottplatz etwas Geheimnisvolles, birgt viele Geschichten und Schätze, andererseits kann man daraus künstlerisch sehr viel gestalten. Wir brauchen beispielsweise in einer Szene ein Gebirge. Das kann dieser Autoberg auch gegenüber dem riesigen Dom gut darstellen. Aber vor allem ist es ein starkes Bild für die gesellschaftliche Situation von Carmen und den Schmugglern: Sie sind auf den Müll, in den Dreck abgeschoben.

Was schätzen Sie besonders an Bizets Musik?

Die Musik beschreibt genau, was passiert, illustriert die Gefühle genau zur richtigen Zeit und mit großer Leichtigkeit. Sie ist so gut geschrieben, dass sie, wenn sie richtig rezitiert ist, fast wirkt wie ein Schauspiel mit Musik. Dieses Werk ist viel näher am Singspiel, als an der großen Oper und es sind Melodien, die leicht konsumierbar sind und im Ohr bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Eingestellt von

Lorina Strange

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