Diabolische Proben

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Fra Diavolo

„AU – Aah – Uffff – Hhngnnnn…“ „Das sollte schon schneller aufeinander folgen…also eher: au – ah – biff – baff – ufff – zack- hhgnnn…“ „AUU – aah – UFF – hngnn!“

Es ist Freitagabend und die Kammersänger Jörg Rathmann und Máté Sólyom-Nagy geben auf der Probebühne des Theaters Erfurt sonderbare Geräusche von sich. Schlag auf Schlag folgt ein „Au!“- und „Uff!“-Laut nach  dem anderen. Doch das eingespielte Duo macht das, trotz eines gewissen Unterhaltungseffekts, nicht nur zum eigenen Vergnügen: hier wird intensiv geprobt! Die beiden üben einen sehr schnell gesprochenen Dialog, in dem sie teilweise nur Textfetzen von sich geben müssen. Die ergänzen sich jedoch gegenseitig und werden deshalb in hohem Sprechtempo dem jeweilig anderen Mitsänger zugespielt. Die flotten Anschlüsse müssen sitzen, denn bei so großer Spielgeschwindigkeit fallen textliche Stolpersteine und zu lange Pausen, die zu Löchern werden, sofort auf. Die Choreographie aus kleinen Bewegungen, Gesten, auffälligen mimischen Zügen und der selbst erzeugten Geräuschkulisse hilft dabei – sowohl dem straffen Gesprächstempo als auch dem Erinnerungsvermögen der Akteure. Und wofür das Ganze? Gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander Voigt sind Rathmann und Sólyom-Nagy Teil eines verwegenen Ganoventrios im ersten Stück unserer Spielzeit 2018/19 – der turbulenten Gaunerkomödie Fra Diavolo.

Das Ganoventerzett – Solisten Ks. Jörg Rathmann, Alexander Voigt und Ks. Máté Sólyom-Nagy unter der Beobachtung von Regisseur Hendrik Müller.
Das Ganoventerzett – die Solisten Ks. Jörg Rathmann, Alexander Voigt und Ks. Máté Sólyom-Nagy unter der Beobachtung von Regisseur Hendrik Müller.

Fra Diavolo ist eine Opéra-comique des französischen Komponisten D.F.E Auber und erzählt von den spannenden Verbrechen des berüchtigten Banditen Fra Diavolo (zu Deutsch: „Bruder Teufel“). Die Musik hat Pepp und regt sogar das bewegungsunfreudigste Tanzbein zum Schwingen an. Ohne Ohrwurm geht man bei diesem Opernbesuch garantiert nicht nach Hause. Die zackige Musik ist aber nicht das einzig Auffällige an dieser Oper: Ganz nach Tradition der Opéra-comique wird hier nicht nur gesungen, sondern auch in Dialogen gesprochen. Man sollte sich nicht von dem Uraufführungsjahr 1830 trügen lassen, die Dialoge wurden von Hendrik Müller „leicht modernisiert“ und sind – wie im Falle des Ganoventrios – ziemlich lustig. Können eingeübte Diaologe überhaupt witzig wirken? Auf jeden Fall! Laut Regisseur Hendrik Müller braucht ein so witziger, schneller Schlagabtausch wie bei Fra Diavolo die Präzision, die sich während einer hohen Zahl an Proben langsam aufbaut. Ganz nach dem Motto „Übung übt!“ lässt er die Gesprächspassagen immer wieder ablaufen, denn das gibt den Darstellern die nötige Sicherheit. Und diese spürt auch das Publikum.

In bester Laune: Alexander Vogt und Juri Batukov arbeiten an musikalischen Feinheiten.
In bester Laune: Alexander Vogt und Juri Batukov arbeiten an musikalischen Feinheiten.

Geht das endlose Proben den Darstellern nicht irgendwann auf den Keks? Nein, denn langweilig oder gar witzlos geht es auf den Fra Diavolo-Proben nicht zu. Im Gegenteil. Durch die gemeinsame Erarbeitung des Werks zieht sich immer eine lockere und angenehme Stimmung wie man sie selten in konzentrierten Arbeitsphasen erlebt. Auch wenn die Uhr ihren Zeiger langsam gegen 22 Uhr bewegt und die Puste nach einem langen Tag allmählich ausgeht, gibt es auf der Bühne immer was zu lachen. Und wenn mal nicht die Situationskomik oder ein amüsanter Einfall einer der Sänger Lachtränen in die Augen des Produktionsteams zaubert, dann steht Regisseur Müller mit einer Anekdote aus seinem reichen Erfahrungsschatz bereit. Ob Konzeption einer individuellen Rolle für jedes einzelne Chormitglied oder Einstudierung hefezopfartiger Laufformationen mit Statisten – Müller ist für jeden Spaß zu haben. Die Produktionszeit vor der Premiere ist zwar eng durchgetaktet, doch der Regisseur findet immer die Zeit, auf Details einzugehen, auszubessern und trotzdem den Bogen zum großen Ganzen zu schlagen. Er scheut sich dabei nicht davor, den Akteuren mit spielerischem Beispiel voranzugehen und kreative Anstöße durch direktes Vorspielen zu geben.

Hier ein kleiner, flüchtiger flimischer Einblick in die Proben: https://youtu.be/W2VvIOgUBtc

Nach etwa vier Wochen musikalischer und schauspielerischer Einstudierung, befindet sich Fra Diavolo mittlerweile in seiner Endprobenphase. Auch wenn die Abläufe bereits größtenteils in den Köpfen aller Mitwirkenden sind, muss noch einiges passieren. Denn jetzt sind Abteilungen wie Kostüm, Maske, Licht und Ton stark gefordert. Da Aubers Oper in Müllers Inszenierung äußerst bunt und lebhaft ist, muss auch dementsprechend viel im Hintergrund passieren: Verschiedene Lichteinstellungen, schnelle Umbauten, Spezialeffekte, die vom Tonteam zum richtigen Zeitpunkt eingespielt werden müssen, etc. Auch Kostüm und Maske nutzen Klavierhauptprobe, Orchesterhauptprobe und Generalprobe, um am Timing zu üben: Da der Räuber Fra Diavolo als Verwandlungskünstler bekannt ist und die beiden exzentrischen Engländer, denen er im Verlauf der Handlung begegnet, einen großen „sense for fashion“ haben, wechselt ihr Outfit ziemlich oft. Wenn die jeweilige Figur aber zwischen ihrem vergangenen und nächsten Auftritt nur ein paar Minuten hat, dann wird manchmal direkt auf der Seitenbühne ein neues Aussehen gezaubert. Gemeinsam als Team schreiten die Mitwirkenden auf die Premiere zu: Ab dem 6. Oktober kann man die spannende Story live miterleben.

Karten: http://goo.gl/mo437W

Text: Elisabeth Hefner (Dramaturgie-Hospitantin bei Fra Diavolo)

Fotos & Video: Hanna Frieda Bauer

"Fra Diavolo" in der Inszenierung von Hendrik Müller am Theater Erfurt.
Fra Diavolo in der Inszenierung von Hendrik Müller am Theater Erfurt.

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