Der Wolf muss weg! oder Wolfswahrheiten [Wolf VI]

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„Weg, der Wolf muss weg! Der, Kerl der steckt uns alle an!
Weg, der Wolf muss weg! Zu diesem Zweck braucht’s einen Plan!“

Sagt Schweinchen Schlau im Musical Grimm!, das am Donnerstag den 1.2. am Theater Erfurt Premiere hat. Recht hat er – würde man im Märchen sagen. Ist der Wolf doch ein gefährliches Tier: böse, gierig, hinterlistig… Recht hat er – sagen die Artenschützer in Thüringen, wo eine Wölfin sich mit einem Hund gepaart hat und jetzt sechs Wolfshund-Hybriden frei herumlaufen und so die Reinheit der Rasse Wolf gefährden.

Ein Plan muss her! Es muss gehandelt werden!

In Grimm! ist es eine List, die zeigen soll, dass der Wolf doch tatsächlich ein übles Tier ist. So wird kurzerhand der von den Dorfbewohnern oft nur belächelte Hund Rex beauftragt, Schweinchen Didi zu beißen, was als Wolfsattacke ausgegeben werden soll. Mit dieser falschen Wahrheit soll sich zeigen, wer der Übeltäter ist, und dass mit so einem Wolf nicht zu spaßen ist. Vor allem, dass das Leben mit Wolf (im Dorf) nun wirklich keine Option ist.

Im Fall der Hybriden spricht das zuständige Ministerium inzwischen von „letaler Entnahme“, was nach dem gescheiterten Versuch, die Tiere leben zu fangen, nicht weniger bedeutet, als dass der Wolfshybrid nun auch geschossen werden darf. Das sorgt für einen Sturm der Entrüstung, der sich – das können wir uns an dieser Stelle nicht verkneifen – wie das Libretto von Grimm! liest.

Drohungen, Vorwürfe, Halbwahrheiten, Fake News – Willkommen im Grimm-Realitätscheck. Wir werden fündig unter einem auf Facebook geposteten Artikel der Nachrichtenplattform Thüringen24 mit dem Titel: Thüringen jagt die Wolfskinder von Ohrdruf – warum sie jetzt erschossen werden 

Jens R. warnt vor den Gefahren durch den Wolf:Ich weiß es gefällt vielen Frauen nicht die ein Hündchen haben, aber was sagt ihr wenn euer Hund von so einen “”Wolf”” angefallen geschweige denn getötete wird???? Was sagt ihr dann?“
Da kann Gisela Geiß natürlich nur zustimmen. Auch sie hat schon Erfahrungen mit Waldbewohner gehabt: „Gerade für uns Frauen ist der Wald mehr als gefä-ä-ä-ährlich! All die Hirsche auf der Pirsch und keiner meint es e-e-e-e-hrlich!“
Für Petra T. hingegen sieht die Sache ganz anders aus. „Das schlimmste Lebewesen auf unserem Planeten ist der Mensch. Es muß auch Platz für Tiere sein. (…)“ Oder wie es der Wolf Grimm sagen würde: „Menschen sind Mörder, Wölfe sind Helden. Nur dank der Menschen sind Wölfe so selten.“
Ulrich R. sieht neben dem Töten und Fangen noch eine dritte Möglichkeit: „Die dritte Möglichkeit wird einfach ausser Acht gelassen: Laßt doch die Viecher einfach in Ruhe……(…) Haben wir keine anderen Probleme, als der Natur ins Handwerk zu pfuschen?“ Schweinchen Wild sieht das ganz ähnlich: Da, da im Dorf, da wo die doofen Dödel wohnen. (…) Denn da im Dorf folgt jedes Schwein noch der Natur! Bloß das, was echt natürlich ist, das stört da nur!“
Für Christian J. war das Ganze ein schon längst abgemachtes Spiel: „Das war von Anfang an klar, das die getötet werden sollen, glaubt doch kein Schwein mehr das überhaupt versucht wurde sie zu fangen…nicht ohne Grund hat die Behörde Redeverbot verhängt…. Dreckschweine sind das….“
Schweinchen Schlau würde lächelnd antworten: „Und was spricht gegen eine riesengroße Schweinerei?“
Dagegen stellt sich Pe W., die insgesamt noch viel Schlimmeres auf uns zukommen sieht: „Normal ist das nicht! Wer nicht ins Bild passt, wird aus der Welt geschafft! Langsam bekomme ich Angst.“
Genau das hat Schweinchen Schlau vor: „Bewerfen wir den Wolf mit Dreck, dann wird dem Dorf der Wolf suspekt und hat das Misstrauen erstmal alle angesteckt, ist unser lieber, böser Wolf bald weg!“ 

Der Wolf bleibt ein brisantes Thema und in der Realität genauso wie im Musical Grimm! sieht man, wie weit die Argumente voneinander entfernt liegen können. Vorurteile – Fakten, Lügen – Wahrheiten, Hörensagen – Erleben, Dorf – Wald, Schäfer – Jäger, Bürger – Behörde: Wir grenzen uns ab und schießen gegen die anderen, weil sie anders scheinen und weil unsere Meinung natürlich die einzig logische ist. Scheinbar unverrückbar stehen sich so Welten gegenüber. Das ist Theater! Und das müssen wir zeigen. Gerade dann, wenn Vorurteile und Lügen genauso brisant werden, wie Fakten und Wahrheiten. „Fake News“ und „Alternative Facts“ prägen uns und die Zeit und in diesem Sinne will das Regieteam um Stephan Beer auch Grimm! verstanden haben: Ein Musical über Vorurteile aber eben auch – und das gehört eben auch zur ganzen Wahrheit – ein Musical über Toleranz.

 

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Friedrich Göring

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