DER WOLF IM MÄRCHEN [WOLF III]

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„Es war einmal…“ so fangen sie alle an, die Märchen, die wir so lieben. Die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm haben sich Geschichten und Sagen voller Helden erzählen lassen und alles aufgeschrieben. Ein Schatz, ein gut deutscher, so wollen wir es in dieser Spielzeit am Theater Erfurt verstehen, der über Generationen weitergegeben wird.

Ganz und gar nicht heldenhaft kommen sie zunächst daher, die weiblichen Hauptrollen in den bekanntesten Märchen: Dornröschen, Schneewittchen, Aschenputtel, Frau Holle und Rotkäppchen – eher Prinzessinnen, solche die es später werden oder eben auch ganz einfache Mädchen wie Rotkäppchen: kindlich naiv, unbedarft, eine Träumerin und irgendwie doch so, dass wir sie gleich ins Herz schließen möchten. Es heißt dort ja auch: „Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah“. Schon am Anfang vom Märchen ist so jedem klar, wer hier auf der guten Seite steht.

Wer der Böse ist? Ein schrecklich großer Mund, große Hände… das weiß doch jedes Kind, klar, aber eben nur im Märchen. Und auch Rotkäppchen begegnet dem Wolf doch erst einmal ganz vorurteilsfrei: „Rotkäppchen aber wusste nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rotkäppchen“, sprach er. „Schönen Dank, Wolf.“ „Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?“ „Zur Großmutter.“ Ganz unbedarft, die Gefahr nicht erkennend, unterhält sich das kleine süße Mädchen mit der roten Kappe. Aber wie sonst sollte das Märchen funktionieren, ohne Vorurteile und Stereotypen?

Genau um diese Schubladen in unseren Köpfen soll es sich hier auch drehen: Wir haben die mit dem bösen bösen Wolf geöffnet. Schaut man sich die Schlagzeilen der letzten Monate an, wird schnell deutlich, dass wir so gar nicht rotkäppchenmäßig durch die Welt gehen. Unser Wolfsbild ist dramatischer: „Wolf löst Unbehagen aus“ (FNP 20.12.2017), „Die Gefahr kommt näher“ (MAZ 10.8.2017) oder „Angst vor dem Wolf“ (DK 29.12.2017) lauten da die Überschriften von Artikeln, die den nach Deutschland zurückkehrenden Wolf ankündigen. Was Naturschützer jubeln lässt, verbreitet im Allgemeinen Angst und Schrecken. Auch im Märchen kommt Meister Isegrim nicht gut weg. Der Wolf ist dort „ein böses Tier“ (Rotkäppchen) oder ein „Bösewicht“ (Der Wolf und die sieben Geißlein), immer auf der Suche nach einem neuen „fetten Bissen“ (Rotkäppchen). „Wenn er hereinkommt, frisst er euch mit Haut und Haaren“ (Der Wolf und die sieben Geißlein). Dabei wird dem Wolf manchmal eine gewisse Listigkeit unterstellt. Tatsächlich stellt er sich auch nicht schlecht an, wenn er es am Ende doch schafft, die Tür der sieben Geißlein mit Kreidestimme und geweißter Pfote zu öffnen oder es ihm gelingt, dem Rotkäppchen die Information zur Großmutter zu entlocken. Spätestens aber, wenn „der Wolf seine Gelüste gestillt hat“ (Rotkäppchen), verfällt er in einen tiefen, komatösen Schlaf, schnarcht laut und bekommt nicht mit, wie ihm die gerade noch erjagte Beute aus dem Bauch geschnitten wird (Rotkäppchen und Der Wolf und die sieben Geißlein).

Mit Blick auf die kommende Premiere von Peter und der Wolf (Premiere 18.1.2018) wird dieses Bild nur unterstrichen. Die Hörner kündigen das Ungetier dramatisch an und dann steht der da am Waldrand: „Und es kam wie es kommen musste – aus dem dunklen Wald schälte sich wie ein Schatten der Große Graue Wolf“. Auch dieser Wolf ist auf der Suche nach Essen und nimmt nach seinem Entenschmaus die Jagd nach Vogel und Katze auf, eh ihm Peter mit einer List die Schlinge um den Schwanz gelegt hat.

Zusammenfassend also ein ziemlich böser, selten listiger aber sehr verfressener Wolf, der gern und tief schläft. Muss man vor diesem Wolf überhaupt Angst haben? Kinder sicherlich, doch uns müsste die Furcht vor dem Wolfstier doch eigentlich längst verloren gegangen sein…

Ähnlich sieht es im übrigens auch Rotkäppchen im Musical Grimm! (Premiere 1.2.2018), die, langsam erwachsen werdend, eigentlich viel lieber Dorothea genannt werden möchte. Sie findet den Wolf – menschlich gesehen – ziemlich spannend und hört nicht auf die alten Märchen, die ihr im Dorf erzählt werden. Da gerät natürlich durcheinander, was sich „da da im Dorf, da wo die doofen Dödel wohnen“ (Schweinchen Wild) so schön zusammengereimt wurde. Gut und Böse, gefangen und frei, Wald und Dorf, alles gerät durcheinander und so wird die Moral im Märchen und das Wolfsbild einmal auf den Kopf gestellt und der Wolf Grimm selbst singt: „Menschen sind Mörder, Wölfe sind Helden […] Fair ist der Wolf, wenn er kämpft und gerecht – verglichen zum Menschen sind wir Wölfe ein relativ unintrigantes Geschlecht!“ Man könnte jetzt sagen: Das weiß doch jedes Kind, dass man auch nicht alles immer so nehmen muss, wie es im Märchen erzählt wird. Wir als Zuschauer brauchen aber in der Geschichte das freiheitssuchende ein bisschen naive Rotkäppchen, das den Wolf mit anderen Augen anschaut, um uns und dem ganzen Dorf zumindest zu zeigen, dass es auch noch eine andere Sicht auf die Dinge gibt, als die in einer Schublade abgelegten, vor dem Urteil entstandenen.

Für alle, die nichts mit solch jugendlicher Moral anfangen können, findet sich im Musical Grimm! noch ein drittes Märchen, die Erzählung Die drei kleinen Schweinchen. Keine Geschichte aus der Grimmschen Sammlung. Die Moral des ursprünglich englischen Märchens ist jedoch wieder mit deutschen Tugenden vereinbar und passt in unser Weltbild. Nicht Bequemlichkeit und leichtlebige Unbeschwertheit zahlen sich aus, sondern Fleiß und harte gründliche Arbeit bringen Erfolg und schützen so vermutlich auch vor dem Wolf, in welcher Gestalt auch immer er uns begegnen mag. Nur eines muss am Ende auch in Zeiten von Fake News klar sein: „Nicht jede Geschichte ist wahr. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann lügen wir noch heute…“

 

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Friedrich Göring

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