„Der Mensch ist das grausamste Tier“ – Der Wolfsexperte [WOLF IV]

1 KommentarVeröffentlicht am Categories dies & das, Hinter den Kulissen

Die RÜCKKEHR DER WÖLFE ist schon ein politisch heikles Thema in Thüringen. Und jetzt haben wir uns auch noch gleich zwei Wölfe ins Theater geholt. Hier sind also wirklich wahre Fachargumente gefragt. Silvester Tamás, der für Wolf, Wildkatze und Luchs zuständige Experte des NABU Thüringen e.V., sprach mit mir über Märchen und Realität, Zuwanderung aus dem Osten und seinen intimsten Kontakt zu den Wölfen.

Herr Tamás, spielen wir zu Beginn ein kleines Spiel. Ich zitiere Aussagen über Wölfe aus unserem Musical Grimm! Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf, Sie sagen, was davon wirklich wahr ist.
1. „Menschen sind Mörder, Wölfe sind Helden. Nur dank der Menschen sind Wölfe so selten.“
Wirklich wahr!
2. „Der Wolf ist ein Meister der Verstellung.“
Eher nicht wahr.
3. Sei ein Wolf heißt: Markier dein Revier! Denn ein Wolf braucht Wald, Flur und Felder und jeder soll wissen, ein echter Wolf war hier!“
Wahr!
4. „Der Wolf ist eine Gefahr für die Allgemeinheit.“
Nicht wahr.
5. „Sei ein Wolf heißt: klar bist du gefährlich, aber doch nur, wenn du dich hungrig fühlst!“
Nicht wirklich wahr.
6. „Fair ist der Wolf, wenn er kämpft und gerecht – verglichen zum Menschen sind wir Wölfe ein relativ unintrigantes Geschlecht!“
Wirklich wahr!

Grimm und Dorothea können sich bei einer Frage nicht einigen: Was ist das grausamste und blutrünstigste Tier der Welt? Was sagen Sie?
Also wenn man den Menschen mit einbezieht, würde ich sofort ohne große Umschweife den Menschen als das grausamste Wesen und vielleicht auch in seiner Grausamkeit nachhaltigste Wesen bezeichnen.

Silvester Tamás

In Märchen kommen die Wölfe ja klassischerweise gar nicht gut weg: da sind sie gefräßig, brutal, hinterlistig und verschlafen. Wo kommen diese negativen Vorstellungen her?
Diese Legenden haben ihren Ursprung weit zurück in der Vergangenheit. Das Stereotyp ist immer das gleiche: Der raubt mir Ressourcen, der raubt mir das Schaf, der raubt mir den Schlaf, lässt mich quasi im Wald ängstlich frösteln und hat natürlich auch das Potenzial, als Traumvorstellung, sogar als menschliches Tierwesen – als Werwolf – aufzutauchen. Es geht um den Konkurrenzkampf zwischen Gut und Böse, zwischen Mensch und Natur und da steht der Wolf tatsächlich sinnbildlich für die grausame Gewalt der Natur, der sich der Mensch damals ausgeliefert sah.

Was davon stimmt mit der Realität überein?
Rein biologisch entspricht der Wolf diesem Bild gar nicht. Er ist ein brachialer, sehr sportlicher, sehr aufgeweckter und sehr fähiger Überlebensgeneralist. Der kann in jedem Lebensraum zurechtkommen und sein Wesen ist durchaus geeignet dafür, als Spitze der Nahrungskette vielfältige Aufgaben im ökologischen System zu übernehmen. Der lupus familiarisalso der Haushund – ist ja im Prinzip dieselbe Art wie der Wolf, biologisch gibt es da erst mal keinen Unterschied. Und Hunde übernehmen heute ganz selbstverständlich wichtige Aufgaben für den Menschen – als Blindenhunde, Katastrophenschutzhunde, Suchhunde, Jagdhunde oder Hütehunde – der Mensch ist in vielen Lebensbereichen auf den Hund – oder Wolf – wirklich angewiesen.

Wie kam es zu dem Übergang vom gefährlichen Wolf zum Hund als „bester Freund des Menschen“?
Mensch und Wolf haben sich schon immer denselben Lebensraum geteilt und da auch in ganz natürlicher Konkurrenz um Ressourcen und Wild gelebt. Aber es gibt kein Wesen, was so früh durch den Menschen domestiziert worden ist, wie der Wolf zum Hund. Das hat weit vor der Zeit stattgefunden, als das erste Schaf oder das erste Wildrind oder das erste Wildhuhn domestiziert wurde. Viele tausend Jahre früher hat der Mensch Wölfe gehalten und mit dessen Hilfe hat er sich tatsächlich die Natur zu Untertan gemacht. Vielleicht hat es so begonnen, dass Menschen Höhlen ausgehoben haben, in denen Jungtiere waren, oder weil sich Wölfe an die menschlichen Behausungen angenähert haben und so eine Bindung entstanden ist. Dann haben diese Wölfe den Lebensraum der Menschen auch als ihren Lebensraum gesehen und natürlich gegen fremden Wölfe und andere Tiere verteidigt. Das heißt, die Menschen konnten dann wieder in Ruhe schlafen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Wolf war ein ganz wichtiges Bindeglied in der Zivilisierung der Menschen, weil er den Menschen entlastet hat.

Wie tief sind diese Märchenstereotype in den Menschen verankert? Kämpfen Sie damit heute noch im Bezug auf die realen Tiere?
Das ist eine ganz interessante Frage. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt bei der Rückkehr der Wölfe heute ist tatsächlich die psychologische Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Trauma der Kindheit ist in jedem Menschen fest verankert, egal, ob positiv oder negativ, und dazu gehören auch diese Geschichten, die man vorgelesen bekommen hat. Das sind Bilder, die sich eingebrannt haben. Das trägt man heute als kulturhistorischen Ballast mit sich.
Dazu kommt, dass der Wolf keine Wildnis braucht, wie andere Tierarten. Er kommt Tür an Tür mit unserer Nachbarschaft zurecht und das macht den Menschen besonders Angst und Sorgen. Das deckt die Bilder, die wir kennen. Und in dem Augenblick, wenn der Wolf vor der Haustür steht, sich mal ein Schaf holt oder sich beim Jäger vielleicht ein Reh holt, werden diese Stereotype sofort wieder abgerufen – diese Ängste und Sorgen um die Ressourcen, um das Überleben.

Versuchen Sie aktiv, diese Ängste zu bekämpfen?
Ja, wir machen zum Beispiel Aufklärungsarbeit. Wir stehen draußen in der Natur, gehen zu den Schäfern, zu den Jägern und anderen Menschen mit Interesse für den Wolf, unterhalten uns mit denen und beantworten Fragen. Wir haben verlernt, mit der Natur, mit Wolf, Luchs und Braunbär zu leben und das müssen wir uns jetzt wieder erarbeiten. Wir müssen lernen, stückweit Ressourcen wieder der Natur zu überlassen. Das ist natürlich ein Spannungsfeld. Dazu kommt merkwürdigerweise bei vielen immer eine sehr dezidiert ablehnende Haltung gegenüber etwas Neuem. Ob das jetzt der Wolf ist oder die Migrationspolitik oder die derzeitige Situation in Deutschland – da gibt es erst mal schnell Negatives, was da auf den Tisch gepackt wird. Dann muss man natürlich mit Sachverstand, mit Fachargumenten gegenhalten und so dazu beitragen, stückweise diese Sorgen und Ängste zu nehmen.

Warum ist es Ihnen überhaut wichtig, dass es wieder wilde Wölfe gibt?
Jeder Wissenschaftler, Biologe oder Ökologe wird sagen, dass der Wolf zurückkommen muss, weil er ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems ist. Denn ohne den Wolf wäre das Wild, das wir heute gerne essen oder bejagen, über hunderttausende von Jahren nicht das geworden, was es heute ist. Hörner, Kraft, Sprünge, Schnelligkeit – das ist ja alles nur durch diese ständige Interaktion zwischen Räuber und Beute entstanden.
Aber es geht auch um Werte. Wir können ohne Natur nicht leben. Und die Natur wird dann vollkommener, wenn alle Bestandteile im Gleichgewicht bleiben. Eine Willkommenskultur den Wölfen gegenüber gibt es vor allem seitens derer, die positive Erfahrungen mit der Natur haben, die Natur als was Lebendiges und ein Stück Vollkommenheit sehen. Das ist in unserer Gesellschaft zum Glück die Mehrheit. In einer Forsa-Umfrage zum Thema Wolf befürworten hier in Deutschland bis zu 80%, dass Wölfe hier leben und der Lebensraum bewahrt wird.

Wie nah kommen Sie persönlich bei ihrer Arbeit dem Wolf?
Ich bin sehr oft in Wolfsgebieten unterwegs, um deren Lebensweise und Lebensräume zu studieren. Hin und wieder gelingt es mir auch, einen zu sehen, aber nicht so häufig, wie ich es mir wünschen würde. In Thüringen betreiben wir Wolfs-Monitoring, dazu gehören auch Spurensuche, Kamerafallen, die Fotos machen von vorbeiziehenden Tieren, oder man findet Losungen. Also Kackhaufen vom Wolf, die sich, wenn sie frisch sind, für genetische Analysen eignen. Die nehmen wir auf und das ist schon ein sehr intimer Kontakt, wie ich finde.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, als Spaziergänger im Wald einem Wolf zu begegnen?
Extrem niedrig. Wölfe sind sehr, sehr sensibel. Die natürliche Situation ist, dass man als Mensch sehr selten Wölfe sieht. Genauso wie andere Wildtiere. Dafür, dass es Millionen Wildschweine in Deutschland gibt, begegnet man denen ja auch fast nie. Wölfe sind nicht nur viel seltener, sondern haben auch einen sehr großen Bewegungsradius. Eine Wolfsfamilie von sechs bis acht Tieren benutzt einen Lebensraum von 250-350km². Dann suchen Sie die mal. Das ist die berühmte Nadel im Heuhaufen.

Die Thüringer Wölfin bei Ohrdruf

„Die Rückkehr der Wölfe“, wie man es in letzter Zeit häufig liest, klingt so drastisch, aber über wie viele Wölfe reden wir da überhaupt?
Ca. 300-350 Wölfe deutschlandweit. Also wir haben eine Zuwanderung der Wölfe aus dem Osten Europas. Ursprünglich aus dem Baltikum kam eine kleine Gruppe über Polen nach Ostdeutschland. 1998/99 gab es die ersten Nachweise in Sachsen, 2000/2001 dann wieder die ersten hier in Deutschland in der Freiheit geborenen Wölfe. Heute sind Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg typische Wolfs-Bundesländer. Insgesamt gab es 2016 60 Wolfsrudel in Deutschland, das sind jeweils die Elterntiere mit zwei bis drei Jährlingen, also den Jungen aus dem Vorjahr, und den frischen Welpen. Die bilden einen Familienverband. Dazu kommen 13 kinderlose Paare und drei standorttreue Einzeltiere. Eine davon ist „unsere Wölfin“ in Ohrdruf, der einzige Wolf in Thüringen. [Wolfsvorkommen nachzulesen bei der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf]

Und wie schnell wächst der Bestand?
Langsam. Es gibt Hoffnung, dass es zukünftig bald wieder mehr Wölfe gibt – auch hier in Thüringen. Aber die Zuwanderer haben es sehr schwer, hauptsächlich durch den Verkehr. Es sind 150 Wölfe seit 2000 auf der Straße ums Leben gekommen. Viele Wölfe werden illegal abgeschossen. Das ist ein Zustand, der so nicht tragbar ist. Da sieht man auch, dass viele Menschen, die eine Waffe zur Hand haben, sich auch mit Waffengewalt ihre Welt so zurechtschießen, wie es ihnen gefällt. Der Mensch ist tatsächlich das grausamste Wesen, das es gibt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Silvester Tamas ist als ehrenamtlicher Initiator und Koordinator verantwortlich für das Naturschutzprojekt Felis-Lupus und ehrenamtlicher Sprecher der Landesarbeitsgruppe WOLF und LUCHS. Des Weiteren ist er ehrenamtlicher Koordinator für das FFH-Monitoring zu Wolf und Luchs. Aktuell forscht er an der Friedrich-Schiller Universität Jena zu Wölfen in Thüringen.

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Ein Kommentar zu “„Der Mensch ist das grausamste Tier“ – Der Wolfsexperte [WOLF IV]”

  1. Zum Niederknien – ein Licht im dunklen Tunnel – der verwirrten Geister – die nicht nur die Wölfe bedrohn – kann man gar nicht genug verbreiten – Ich bedanke mich ganz unbeschreiblich – wohl wissend – das damit noch nichts gerettet ist – aber das ist schon einmal wieder aus der Verzweiflung kommen – nochmal Mut fassen – Danke – lucie

Eingestellt von

Lorina Strange

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