Der Anruf aus Erfurt kam beim Kochen

3 KommentareVeröffentlicht am Categories auf der Bühne, Auf einen Kaffee mit..., Hinter den Kulissen, Im Scheinwerferlicht

Das Projekt „Erfurts Neue Noten“ hat ein neues Gesicht: Zu Gast am Theater Erfurt ist Marko Nikodijevic, dessen Musik uns die Spielzeit über begleiten wird. Im Vorfeld des Sinfoniekonzerts am 15./16. Oktober ließ sich der serbische Komponist über Kinderträume und Vorbilder und auch zum überraschenden Anruf aus Erfurt interviewen.

Wollten Sie schon immer Komponist werden oder als Kind wie viele Jungen eher Lokomotivführer oder Feuerwehrmann? Ich wollte Wissenschaftler werden, Teilchenphysiker! Ich habe Kurse in Mathematik und Physik besucht, habe ständig Transistoren und andere Maschinen gebaut, das Kinderzimmer war eine Werkstatt. Es war dann eine ganz bürgerliche Entscheidung meiner Eltern, mich an die Musik heranzuführen, mit Klassik-LPs zu Hause, mit Unterricht an einem Instrument. Mit 12,13 Jahren habe ich angefangen zu komponieren.

Von welchen Komponisten der Vergangenheit sind Sie besonders fasziniert? Ich habe zwei große Vorbilder: Joseph Haydn und Igor Strawinsky. Haydn hat eine so unglaublich geistreiche Musik geschrieben, mit so viel Phantasie, so raffinert gemacht. Meine Lieblingsstücke sind die sechs großen Messen. Und Strawinsky hatte eine sehr lange Karriere, über sechzig Jahre, und ist nie in Routine verfallen, blieb wandelbar. Bei beiden Komponisten ist die Detailebene spannend.

Ihre Werke erscheinen inzwischen auf den internationalen Konzertprogrammen. Wird Ihre Musik auch in Ihrer serbischen Heimat gespielt? Meine Musik wird eher in London und Paris gespielt, aber ein sehr enger Kontakt besteht noch zu meinem ersten Kompositionslehrer Srdjan Hofman. Mit 15 Jahren kam ich damals zu ihm nach Belgrad, aus meiner kleinen provinziellen Heimatstadt Subotica. Noch heute zeige ich ihm alle meine neuen Kompositionen.

Sie leben seit 2003 in Stuttgart. Ist Stuttgart ein guter Ort für Neue Musik? Ich kam nach Stuttgart, weil ich unbedingt bei Marco Stroppa an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst studieren wollte. Wahrscheinlich ist Stuttgart eine der freundlichsten Städte für Neue Musik. U.a. hat das Radio-Sinfonieorchester eine feste Reihe für Neue Musik, es wird sehr viel getan für die Größe der Stadt.

Wie haben Sie von der Einladung nach Erfurt erfahren, die neben Aufführungen Ihrer Werke in den Sinfoniekonzerten auch ein Auftragswerk für das Philharmonische Orchester Erfurt beinhaltet? Kennen Sie diese Region Deutschlands? Joana Mallwitz hat mich im November 2014 vollkommen überraschend angerufen. Ich war gerade beim Kochen, beim Ausprobieren einer neuen Bechamelsoße. Die wurde zum Stein, weil das Gespräch so interessant wurde… In Erfurt war ich schon, um den Dom zu besuchen – 2006 während eines dreimonatigen Aufenthalts in Weimar als Liszt-Stipendiat. Ich wohnte damals am Park mit Blick auf das Goethe-Gartenhaus.

Tanzen Sie gern? Ihr erstes in Erfurt erklingendes Orchesterstück GHB / Tanzaggregat liegt diese Annahme nahe. Ich bin ein Techno-Jünger! Ich mache selbst Techno mit Freunden, es ist eine wichtige Erfahrung für mich, musikalisch und ästhetisch. Es ist eine völlig andere Art des Hörens, wenn man sich bewegt.

Marko Nikodijevic schreibt zur Zeit an einem Auftragswerk für das Philharmonische Orchester Erfurt, das er jetzt live kennenlernen konnte. Im März 2016 wird Joana Mallwitz die Uraufführung dirigieren.

Musik erfinden und komponieren, Musik spielen und interpretieren, Musik hören und erleben – die Idee und der Wunsch, all dieses in Erfurt so eng wie möglich zusammen zu bringen, gaben den Anstoß zum Projekt „Erfurts Neue Noten“ am Theater Erfurt. Mit Unterstützung der Erfurter Bank wird jedes Jahr ein junger Komponist vorgestellt. Nach dem Auftakt mit Sarah Nemtsov erklingt in dieser Spielzeit in drei Sinfoniekonzerten Musik von Marko Nikodijevic.

 

 

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3 Kommentare zu “Der Anruf aus Erfurt kam beim Kochen”

  1. Schön, dasss es das Blog gibt, muss mich mal durchwühlen.

    Jetzt eine Nachfrage: Der Komponist hat “Transistoren” gebaut? Das sollte mich erstaunen. Kann es sein, dass das Gespräch auf English geführt wurde? Ich bin da auch kein Kenner, glaube aber, er hat (Transistor-)Radios gemeint. Das habe ich nämlich auch als Jugendlicher gemacht 🙂

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