Crossmediale Auseinandersetzung mit Sport, Zeitvertreib, Raum und Zeit

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Werke & Delikatessen

Im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe „Eine Stunde Neuland“ zeigen wir mit WERKE & DELIKATESSEN in der STUDIO.BOX einen Abend voll musikalischer, visueller und sprachlicher Mittel, der die Grenzen zwischen Konzertperformance, Videoinstallation und Inszenierung verwischt. Ausgehend von den Texten, Musik und Ideen dreier Komponisten des 20. Jahrhunderts nähern sich Regisseur und Darsteller Markus Weckesser, Pianist Stefano Cascioli und Schauspieler Martin Vogel dem Thema Sport und Zeitvertreib und widmen sich Kompositionen, die auf verschiedenerlei Weise mit den Konstituenten Raum und Zeit experimentieren.

Im Zentrum des Abends stehen Werke und Texte des nur schwer zu fassenden Komponisten Erik Satie (1866 – 1925). War er ein ironischer Spötter? Ein Verrückter? Ein Dadaist vor seiner Zeit? Oder doch ein hellsichtiger Avantgardist? Vielen gilt er als Initiator einer modernen Musikanschauung, als Wegbereiter des Impressionismus und des später von Komponisten wie Michael Nyman, Philip Glass und Steve Reich geprägten Minimalismus.
Nach einem abgebrochenen Musikstudium am Pariser Conservatoire verdingte Satie sich ab 1884 als Pianist in den Cabarets und Varietés des Montmartre und komponierte Chansons sowie neo-gotische und neo-griechische Klavierstücke, darunter auch die heute zu seinen bekanntesten Werken zählenden Gymnopédies Nr. 1-3. Sie präferieren das Schwelgen in Klang und atmosphärischer Wirkung gegenüber traditionellen Form- und Rhythmusgedanken und gelten daher auch als Vorläufer der Ambient music. Der Titel Gymnopédies bezeichnet eigentlich griechisch-antike Feiern, bei denen Jugendliche nackt tanzten und sich athlethisch betätigten. Ähnlich irritierende und/oder befremdliche Titel tragen auch fast alle anderen Klavierstücke Saties, so auch die Pièces froides, was doppeldeutig als „Kalte Stücke“ oder als „Kalte Räume“, in Anspielung auf Saties Wohnbedingungen in Montmartre, zu verstehen ist. Deren zweiten Teil bilden die Danses de travers (gekrümmte Tänze). Nicht weniger skurril, erfinderisch und absurd-unangemessen sind auch die musikalischen Vortragsanweisungen Saties, seine kommentierenden oder die Musik begleitenden Texte sowie seine „Memoiren eines Gedächtnislosen“ – Äußerungen, die es uns schwer, wenn nicht gar unmöglich machen, den eigentlichen Standpunkt des Komponisten zu bestimmen.
Satie der erklärte, dass ein Komponist nicht das Recht habe, „die Zeit seiner Zuhörer unnötig in Anspruch zu nehmen“ entwickelte folgerichtig (oder persiflierend?) das Konzept der „musique d’ameublement“, einer Art Hintergrundmusik, mit der man sich wie mit Mobiliar umgeben sollte. Dennoch – oder gerade deshalb (?) – hatte er einige Jahre zuvor die Vexations („Quälereien“) komponierte: Mit einem nur 13 Zählzeiten in Anspruch nehmenden Motiv, könnte dies eigentlich ein sehr kurzes Klavierstück sein, wenn es nicht 840mal wiederholt werden müsste – was es als ein Vorläuferwerk der Minimal Music erscheinen lässt und es (je nach angeschlagenem Tempo) auf einen Spieldauer von 12-28 Stunden andauern lässt.
Die meisten Klavierstücke Saties sind keine reinen Tonschöpfungen. Viele von ihnen verband er mit eigenen Texten und grafischen Darstellungen. Ein Beispiel hierfür ist sein auch in WERKE & DELIKATESSEN zu erlebender Klavierminiaturenzyklus Sports et divertissements, der auf 20 Illustrationen des zeitgenössischen Künstlers Charles Martin basiert, die das Thema „Sport und Zeitvertreib“ behandeln. Zu den Zeichnungen erdachte Satie kurze, sehr amüsante Textchen mit zumeist surrealem Charakter, die gesellschaftliche, unterhaltende und frivole Aspekte der Freizeitbeschäftigungen betonen. Zu den Zeichnungen und Texten komponierte Satie anschließend Musik, die tonmalerisch auf das Bildthema, aber auch minutiös auf einzelne seiner Worte eingeht. In vielen der Nummern ahmt die Grafik des Notenbildes zudem die Hauptlinien der Zeichnungen nach. So formte Satie aus Zeichnung, Dichtung und Musik crossmediale Gesamtkunstwerke, die die Rolle des Zuhörers von Grund auf auch als Betrachter neu definierten.

Fotos: Lutz Edelhoff

Neben Texten, Kompositionen und Ideen von Satie streift der Abend auch das musikalische Schaffen und die Gedankenwelt des amerikanischen Charles E. Ives (1874 – 1954). Der in Danbury, Connecticut geborene Komponist gilt heute als Vaterfigur und Begründer der eigenständigen amerikanischen Musikkultur.
Nach einem Studium Generale an der Yale University, das auch Kompositionsunterricht umfasste, widmete er sich hauptberuflich einer Karriere als Versicherungsmakler und gründete später eine der erfolgreichsten Versicherungsgesellschaften seiner Zeit. Unabhängig von wirtschaftlichen Zwängen konnte er in seiner Freizeit (für die Schublade) komponieren und hatte es nicht nötig, künstlerische Kompromisse einzugehen.
Statt sich an gängige Kompositionsschulen oder Traditionen der europäischen Klassik zu halten, verarbeitete er lieber Alltagsgeräusche oder Zitate aus zeitgenössischer US-Folklore zu originellen Orchester-Collagen und nahm dabei schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zahlreiche der später als revolutionär betrachteten Errungenschaften der Avantgarde vorweg: Lange vor dem gleichaltrigen Arnold Schönberg experimentierte Ives mit Atonalität und auch seine Experimente mit freier Dissonanz, Vierteltönen, Polyrhythmen, Ton-Clustern und seriellen Verfahrensweisen liegen zeitlich noch vor denen von Strawinsky, Ligeti, Reich, Messiaen und vielen anderen.
In seiner Klaviersonate Nr. 2 (Concord-Sonata) portraitierte Ives die von ihm verehrten Vertreter des amerikanischen Transzendentalismus (darunter auch Henry David Thoreau, den Autor des Aussteiger-Romans Walden – Or Life in the Woods), die das Ideal einer repressionsfreien Gesellschaft und eine eigenverantwortliche, naturzugewandte Lebensführung predigten. Angeregt von diesen Idealen und inspiriert von den Landschaften des Adirondack-Naturreservats, in denen er regelmäßig seine Sommerurlaube verbrachte, entwickelte Ives um 1915 für seine unvollendet gebliebene Universe Symphony die Idee einer Art Landschaftsgemälde in Tönen. Dieses Tongemälde sollte man so hören können, wie man eine Aussicht betrachtete – mal mit Fokus auf die Natur im Vordergrund, mal mit Fokus auf den im Hintergrund liegenden Horizont, aber immer mit dem jeweils anderen „Bildelement“ im Augenwinkel.
Immer wieder waren für den Baseball-Fan Charles Ives auch die Standardsituationen seiner Lieblingssportart ein Vehikel zur Entwicklung neuer musikalischer Ideen. So nimmt der Titel seines in WERKE & DELIKATESSEN zu hörenden Klavierstücks Study no. 21: Some South-Paw Pitching! augenzwinkernd Bezug auf den Aufschlag eines linkshändigen Pitchers („south-paw pitching“): Bei dem Klavierstück handelt es sich eigentlich nur um eine Übung zur Stärkung der linken Hand des Pianisten, was dem Training des linkshändigen Baseballspielers entspricht.

Als dritten Komponisten streift der Abend das Schaffen des Komponisten Karlheinz Stockhausen (1928 – 2007). Als bedeutender Vertreter des Serialismus und Mitbegründer der sogenannten Punktuellen Musik sowie als Pionier der Elektronischen Musik wurde Karlheinz Stockhausen zu einem der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.
Nach dem Studium von Schulmusik und Klavier, Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik befasste Stockhausen sich bei den Darmstädter Ferienkursen und während seiner Studien bei Olivier Messiaen intensiv mit dem Ausdrucksspektrum der zeitgenössischen Avantgarde. Nach ersten seriellen Kompositionen begann Stockhausen 1953 im Studio für Elektronische Musik des WDR Köln zu arbeiten und widmete sich der Erforschung räumlicher Wirkungen von Tönen und Geräuschen sowie der künstlichen Klangerzeugung mit Sinusgeneratoren (Elektronische Musik). 1956 entstand seine bahnbrechende Komposition Gesang der Jünglinge – eine Synthese von elektronischen, also synthetischen, Klängen und dem Gesang einer menschlichen Stimme (also natürlichen Klängen), die mithilfe von Tonbandtechniken nachbearbeitet wurde. Bei Aufführungen des Werks, das beim LONGEKONZERT am 29. Februar 2020 in der STUDIO.BOX zu erleben sein wird, werden die Tonspuren durch Lautsprecher im Raum verteilt. Die Raumbewegungen der Klänge bilden dabei eine essentielle, auskomponierte Werkebene. Stockhausens Klavierstück IX (1954) hingegen befasst sich mit Periodizität und Aperiodizität, also mit verschiedenen Formen der musikalischen Zeit: Es kontrastiert einen vierstimmigen Akkord, der fortwährend in periodischen Rhythmen wiederholt wird mit einer langsam ansteigenden chromatischen Skala, bei der jede Note eine andere Dauer hat. Auch in anderen Kompositionen sind Zeit und Raum oftmals wesentliche werkimmanente Elemente der Musik.

WERKE & DELIKATESSEN
von Erik Satie, Charles Ives und Karlheinz Stockhausen
Premiere am 5. Dezember 2019, 20.30 Uhr, in der STUDIO.BOX des Theaters Erfurt
Weitere Vorstellungen: Fr, 13.12. | So, 22.12.2019, jeweils um 20.30 Uhr

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Eingestellt von

Larissa Wieczorek

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