Bestleistung im Maskenland – Nikola Wells schließt ihre Ausbildung am Theater Erfurt ab

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Nikola Wells kommt aus Brockenhurst. Was wie ein kleines, urdeutsches Dorf am Brocken klingt, ist eigentlich eine Kleinstadt in Südengland, in der sie zweisprachig – ihre Mutter ist Deutsche – aufwuchs. Der Weg zum Theater war ihr so gut wie vorbestimmt: Tante, Opa und sogar Uropa sind und waren fest in der deutschen Theaterkultur verwurzelt, es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das mitgegebene Theatergen auch bei ihr entfaltet.

Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Psychologiestudium in England schien der Zeitpunkt erreicht: fünf Wochen dauerte zunächst ein Maskenbildner-Kurs in England; im Anschluss begleitete sie mehrere Stücke einer Theatergruppe und arbeitete für eine Kurzfilm-Produktion in London. Was nun? Mehr Praxiserfahrung musste her.

Da kam es ganz gelegen, dass ihre Tante am Heidelberger Theater tätig ist. Sie bewarb sich dort für ein Praktikum in der Maske, wurde angenommen und legte damit den Grundstein ihrer späteren Ausbildung an unserem Theater.

Eine Lieblingsaufgabe als Maskenbildnerin hat Nikola nicht. Mit Leidenschaft und tiefster Begeisterung ist sie immer bei der Sache – sei es beim Perückenknüpfen, Modellieren oder Schönschminken. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sie in der praktischen Abschlussprüfung die Bestleistung erzielte.

Gerade der zwei Tage andauernde Prüfungsmarathon mit insgesamt zehn praktischen Aufgaben schöpft alles aus, was in der dreijährigen Ausbildung erlernt wurde.  Ein Blick auf die Tagespläne verrät: es ist hart. Nicola beweist, dass es auch machbar ist.

Sasha Heider-Friebel und Johannes Friebel waren Nikolas Ausbilder, die sie zur Prüfung begleitet haben. Neben Bergen an Schokolade als Nervennahrung – am Ende half dann doch nur das Butterbrot – nahmen sie Material, Modelle und Helfer (insgesamt fünf an der Zahl) mit nach Baden-Baden, dem Ort der Abschlussprüfung.

Dann war es soweit. Auszubildende aus dem Nationaltheater Mannheim, den Staatstheatern Mainz, Karlsruhe, Stuttgart sowie aus dem Theater Regensburg, dem Mainfranken Theater Würzburg und dem Theater St. Gallen werden gleichermaßen geprüft wie Nikola aus unserem Theater.

Begonnen wird mit dem Auslosen des Fotos einer historischen Figur, deren Frisur und Haare exakt nachgebildet werden müssen. „Wenn dort eine Locke dargestellt ist, die man übersieht, gibt es sofort einen Punkt Abzug“ meint Sasha, der gleichzeitig die Ergebnisse der anderen Lehrlinge nach Sauberkeit, Proportion und Übereinstimmung des Resultats mit der Vorlage bewertet. Zehn Minuten Pausen und ein wenig Zeit für die Vorbereitung der nächsten Aufgabe bleiben Nikola bis zur „Charaktermaske“, für die sie sich im Vorfeld die Figur des Ikarus‘ auserwählt hat. Im Gesicht durch die sich nähernde Sonne verbrannt, können Ikarus auch nicht mehr seine halb zerschmolzenen Flügel vor dem Absturz ins Wasser bewahren. Nikola pflegt jedenfalls ihren stets skeptischen Blick auf ihre Figur der griechischen Mythologie.

Prüfende Blicke in den Spiegel

Während die Helfer das Wunderwerk wieder vernichten und das Modell für eine nächste Maske herrichten, widmet sich Nikola der „Fantasiefigur“.  Fantasie, etwas Undefinierbares zaubern – gar nicht so einfach unter dem kontinuierlich anhaltenden Zeitdruck. Trotzdem meistert Nikola die Aufgabe mit Bravur – ein prüfender Blick, und die Fantasiemaske ist nach 50 (!) Minuten präsentierfähig.

Noch ist der Marathon-artige Tag nicht vorüber. Nächster Halt: Glatze kleben, alt schminken und einen Vollbart aus der Hand kleben und ondulieren (mithilfe einer Brennschere frisieren).

Für diese Aufgabe gibt es etwas mehr Zeit, fordert sie doch eine ruhige Hand und Präzisionsarbeit. Während die Prüfer noch bewerten, sind die fleißigen Helfer schon gewappnet, um das Modell schnellstmöglich auf seine natürliche Basis zurückzubringen. Es dauert nicht lange, bis auch diese wieder bei der nächsten Aufgabe – einer Frontalansicht eines anatomisch korrekten Totenschädels – unter den schwarz-weißen Pinselstrichen verschwindet.

Die fast letzte Amtshandlung des Tages – langsam senkt sich auch der Adrenalinspiegel – hat es noch einmal in sich. Für die Improvisationsaufgabe wird eine Materialkiste bereitgestellt, mithilfe derer Nikola schnell ohne weitere vorbereitete Teile einen überzeugenden Charakter herstellen muss. Es ist bereits kurz vor 18 Uhr, seit zehn Stunden wird sie bereits geprüft.

Am nächsten Tag verlassen die Modelle und Helfer Nikola wieder. Dafür müssen in den nächsten Prüfungsaufgaben drei Perücken bis zum Mittag teils geschnitten, nach Vorlage entsprechend frisiert und onduliert werden. Zum Abschluss wird die Freihandzeichnung einer Frontal- und Seitenansicht, die anschließend als Vorlage verwendet wird, um eine Tanzmaske zu modellieren.

Geschafft!

Zusammen mit einer Auszubildenden aus St. Gallen wird Nikola in der praktischen Prüfung Klassenbeste. Abheben lässt sie das nicht – genauso fokussiert wie in der Prüfung wird sie auch neue Aufgaben in der Zukunft herangehen. In der nächsten Spielzeit wird sie am Theater in Heidelberg arbeiten. Bei ihrer Tante und ihrem Freund – denn: „die Liebe siegt“, sagt sie.

Wir wünschen Nikola alles Gute!

Fotos: privat

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Ein Kommentar zu “Bestleistung im Maskenland – Nikola Wells schließt ihre Ausbildung am Theater Erfurt ab”

  1. Wow, jetzt erfasse ich erst richtig, wie hart die Pruefung war! – Gratulation an Nikola und grosses Dankeschoen an Sasha und Johannes fuer die excellente Ausbildung meiner Tochter

Eingestellt von

Magdalena Arnold

Magdalena Arnold

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